Alle Beiträge von Christiane

Anonyme Depots

In den letzten Wochen gingen eine Reihe von Internetplattformen und Verlagsdienstleistungen an den Start, die sich WikiLeaks zum Vorbild nehmen. Prominent kündigten etwa die WikiLeaks-Dissidenten Daniel Berg-Domscheit und Herbert Snorrason einen Nachfolgedienst mit einer neuen Konzeption an: Openleaks.org.

OpenLeaks soll Journalisten, Gewerkschaften und Menschenrechtsgruppen die technische Infrastruktur zur Verfügung stellen, damit Informanten ihre Informationen anonym deponieren können. Damit nehmen die Entwickler der Technik kein juristisches Risiko auf sich – es verbleibt traditionell bei denen, die die Materialien verwenden: Den Journalisten. Diskussionen darüber, ob eine solche Plattform „journalistisch“ sei, erübrigen sich dann. Ebenso die Entscheidung, wie und wann die Dokumente veröffentlicht werden sollen. Die Technik soll kostenfrei zur Verfügung stehen. Medienorganisationen sollen jedoch eine „Infrastrukturspende“ entrichten. Die Rede ist von monatlich zwischen 200 und 500 Euro, die die jährlichen Kosten von schätzungsweise 100.000 Euro decken sollen. Demnächst soll der Probebetrieb starten.

In Deutschland stellte Der Westen bereits einen Leserservice namens „Dateiupload“ bereit, den Informanten anonym nutzen können, sowie eine anonyme E-Mail-Kontaktmöglichkeit. Beide Funktionen werden über ein Webformular realisiert. In dem einen Fall kann man eine Datei hochladen, in dem anderen Fall eine Nachricht schicken. Dass so etwas auch für die Lokalpresse sinnvoll sein kann, hatte sich im August 2010 gezeigt, als auf WikiLeaks Dokumente zur Planung der Loveparade in Duisburg veröffentlicht worden waren. Seitdem WikiLeaks nur noch die US-Depeschen veröffentlicht, gibt es außer Cryptome keine bekannten Alternativen mehr für Informanten. Eine Veröffentlichung garantiert die WAZ allerdings nicht.

Die WAZ hat einige technische Vorkehrungen getroffen: „Unsere Datenleitungen sind elektronisch gesichert. Niemand wird Sie enttarnen können“, verspricht Recherche-Leiter David Schraven. In der Tat nutzt die WAZ-Gruppe eine SSL-Verschlüsselung für ihre Verbindung. Auch sollen die Dateien mit GnuPG, einer Open-Source-Variante des berühmten und immer noch sicheren Kryptoprogramms „Pretty Good Privacy“ verschlüsselt werden. Wirklich sicher ist das aber auch noch nicht: Jeder Besucher hinterlässt nämlich auf dem Server der Website mit seiner IP-Adresse eine Spur, die zur Identifizierung genutzt werden kann. Nutzer, die wirklich anonym bleiben wollen, sollten daher dafür sorgen, dass ihre IP-Adresse verschleiert wird, wenn sie die Website besuchen. Das geht über Dienste wie JAP: Die JAP-Rechner, die unter anderem vom schleswig-holsteinischen Landesdatenschutzzentrum betrieben werden, verschleiern über mehrere Stufen, welchen Internet-Zugangsserver ein Informant verwendet. Einen entsprechenden Hinweis darauf gibt es auf der Website des Westens aber nicht.

In Brüssel haben indessen Journalisten selbst das Heft in die Hand genommen und zusammen mit Aktivisten und Kommunikationsprofis „BrusselsLeaks.com“ gegründet. Die Idee dahinter war, dass Journalisten zwar gute Kontakte zu möglichen Informanten in den Behörden und Lobbyvereinigungen in Brüssel pflegen. Da die Verbindungen jedoch in der Regel bekannt sind, ist es für diese riskant, die Informationen weiterzugeben. Anders wäre dies, so das Kalkül, wenn die Daten durch einen Trichter kommen und dann verteilt werden. Eine Art Datenwäsche sozusagen. Anonymität wird auf Wunsch versprochen. Das Ziel ist hochgesteckt: Aufgedeckt werden sollen „die vor Ort gesammelten Informationen, die die innere Funktionsweise der EU zentral abbilden“.

Zu Beginn bot BrusselsLeaks eine Datenübermittlung nur über ein gesichertes Webformular an, das auf WordPress-Software beruht sowie E-Mail-Kontakt über den kanadischen Dienstleister Hushmail. com, der E-Mails verschlüsselt. Wie auch beim Westen gibt es keinen Hinweis darauf, dass die IP-Adressen der Besucher letztlich nicht geschützt sind. Welche Technik „Brussels Leaks“ letztendlich einsetzen wird, ist noch ungewiss. Bislang gibt es nur eine Ankündigung, die ein großes Medienecho erfuhr. Bis auf Weiteres sind die Macher auf Tauchstation gegangen.

Ähnliche Ankündigungen und Protoypen gibt es inzwischen auch für Indonesien in Form eines „Indoleaks“, das einen E-Mail-Kontakt über Googlemail anbietet. In Bulgarien ging „Balkanleaks.eu“ an den Start. Wikispooks.com wiederum basiert auf der Mediawiki-Software. Sie bietet PGP-verschlüsselten E-Mail-Kontakt sowie einen SSL-gesicherten anonymen Datei-Upload an. Dabei versichert sie, keine IP-Adressen zu protokollieren. Diese Website richtet sich an Mitarbeiter von Sicherheitsbehörden sowie Freunde von Verschwörungstheorien.

Ob diese Plattformen und Dienstleistungen auf der Bugwelle von WikiLeaks für den Journalismus erfolgreich sein werden, ist ungewiss. Seit Jahren gibt es etwa die so genannte Privacybox der German Privacy Foundation, einer Art geschützten digitalen Briefkasten. 2.000 Personen aus Deutschland, Frankreich, Spanien und Russland nutzen zurzeit die etwa 3.000 sicheren Postfächer. Deutsche Medien haben dieses Angebot bislang nicht angenommen.

Crosspost aus M – Menschen Machen Medien, 1-2/2011

Mangelserie

Dieses Schaufenster fotografierte ich 1991 in Prag. Es war wohl ein Bücherladen, der hier für ein einziges Produkt warb – ganz in der Ästhetik der Mangelwirtschaft: Das, was am Begehrenswertesten schien, wurde massenhaft ausgestellt, um zu zeigen: Wir haben es. Was mich damals so irritierte war, dass es kurze Zeit nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ausgerechnet diese amerikanische Fernsehserie war.

Datenberge und Nachhaltigkeit: Wie sollten wir die 251.287 Depeschen auswerten?

Nach der ereignishaften “Enthüllung” Ende Dezember durch die Massenmedien SPIEGEL, Guardian, New York Times, Le Monde und El País ist die Auswertung der Depeschen ins Stocken geraten. Ich vermute, der Grund liegt in der Strategie, die bei der Erschließung des Datenbestands nahe liegt. Ein großer Vorteil der digital vorliegenden Depeschen besteht in ihrer digitalen Durchsuchbarkeit. Die Redaktionen haben eine so nahe liegende wie effiziente Strategie angewandt: Sie haben zunächst nach den Personen, Institutionen und Themen gesucht, mit denen sie sich bereits beschäftigt haben. Spiegel und Guardian haben auf diese Weise bis Ende Dezember rund 150 Geschichten veröffentlicht. Das ist eine ganze Menge. Gemessen an dem zur Verfügung stehenden Material jedoch ist das aber nur ein kleiner Bruchteil.

Ich vermute, dass die rund 3900 Dokumente, die bis heute (22.2.2011) auf WikiLeaks veröffentlicht wurden, von den Redaktionen verarbeitet wurden. Dies vorausgesetzt, lässt sich im Hinblick auf die noch bevorstehende Auswertungsphase eine einfache Rechnung anstellen. Bislang wurden in einem Zeitraum von 2,5 Monaten 1,5 Prozent der Depeschen ausgewertet. Dieses Veröffentlichungstempo vorausgesetzt, würde es also noch sieben Jahre dauern, bis alle Depeschen redaktionell bearbeitet und veröffentlicht sind. In dieser Zeit gibt es jedoch viele Faktoren, die zu einer Beschleunigung oder Verlangsamung der Veröffentlichungsrate beitragen können.

So hat etwa der SPIEGEL ein großes Expertenteam aufgestellt, das sich ausschließlich mit WikiLeaks beschäftigt. Es ist aus rein wirtschaftlichen Gründen unwahrscheinlich, dass dieses Team auch noch in sieben Jahren die Depeschen bearbeitet. Ein weiterer Risikofaktor ist der Prozess von Julian Assange und der weitereFortbestand der Organisation WikiLeaks. Obwohl er ja in ein privat motiviertes Verfahren verwickelt ist, hat er dies inzwischen so eng mit der WikiLeaks-Strategie verknüpft, dass hiervon ein erheblicher Einfluss auf WikiLeaks selbst zu erwarten ist.

Komplexe Themen vs. Nachrichtenwert

Ich habe keine systematische Auswertung vorgenommen, von daher kann ich im Hinblick auf möglicherweise vernachlässigte Themen nur meinen Eindruck wiedergeben, den ich angesichts derZusammenstellung des Guardian bekommen habe. Aufgegriffen wurden die Themen, die einen klassischen Nachrichtenwert haben. Auffällig war dies bei der Auswahl der Titelgeschichte des Spiegel, die die Bewertung bekannter Politiker durch die US-Diplomaten skandalisierte. Die Personalisierung ist eine erfolgreiche Strategie, um das Interesse der Rezipienten zu steigern. Ein weiterer Nachrichtenfaktor war natürlich die Überraschung.

Die Enthüllung der Depeschen selbst war eine Nachricht wert. Unerwartete Ereignisse lösen meist ein besonderes Interesse aus und könnten publikumswirksam inszeniert werden. Die Geschichte über den Auftrag des US-Außenministeriums, UNO-Mitarbeiter auszukundschaften thematisierte eine gesellschaftliche Normverletzung, die auf eine rechtswidrige Handlung zurückging. Das heißt, die Entscheidung basierte auf einer Suchstrategie, die sich an den Nachrichtenfaktoren orientierte.

Eine komplexe Geschichte hingegen wie die Liste der kritischen Infrastrukturen wurde erst sehr viel später publiziert. Aufgegriffen wurde sie von der Tagespresse, die aber nicht die Bedeutung der der Liste hinsichtlich ihrer politisch-strategischen Bedeutung analysierte. Dies hätte in die komplexe Diskussion um die Strategiefindung für den Schutz kritischer Infrastrukturen geführt, die aktuell auf EU- und Bundesebene geführt wird, die aber nur fachlich interessierten Lesern vermittelbar ist.

Ich vermute daher, dass komplexe Themen bei der Auswertung insgesamt vernachlässigt wurden. Sie verlangen deutlich mehr Nachrecherche und Einordnung, sind also aufwändiger in der Aufarbeitung. Ich vermute auch, dass Themen, die nur für Fachöffentlichkeiten interessant sind, ausgeklammert wurden. Aufgefallen ist mir das am Beispiel des Themas “Cyber Security“. Es spielt immer wieder eine Rolle, lässt sich jedoch nur über eine Vielzahl von Depeschen erschließen.

Den Exklusivitätskreis durchbrechen

Für Journalisten, die jedoch keinen Zugriff auf das gesamte Material haben, ist das zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht möglich. Verschiedene Strategien stehen JournalistInnen in dieser Situation zur Verfügung: Beispielsweise könnte man anfangen, die vom Guardian veröffentlichten Metadaten auszuwerten. Das könnte Hinweise auf interessante Policy-Änderungen geben. Für den Zeitraum rund um den 11. September 2001 wurde dies ja bereits vorgenommen. Sie zeigt, dass sich eine solche Analyse lohnen würde. Allerdings müsste man dann anschließend auch in das Material eintauchen können. Und das ist bei der gegenwärtigen Datenlage nur dem exklusiven Kreis von gegenwärtig sieben Redaktionen möglich. Das sind der Spiegel, der Guardian, die New York Times, Le Monde und El País sowie die Aftenposten und Die Welt.

Vor diesem Hintergrund könnten FachjournalistInnen und WissenschaftlerInnen versuchen, eine Kooperation mit den Redaktionen einzugehen, die den Exklusivitätskreis der “Fantastischen Fünf“ durchbrochen haben, also mit der Aftenpostenund der Welt. Dabei sollte von vornherein eine klare Fokussierung auf bestimmte Themen und Fragestellungen erfolgen. Allein das Meta-Thema Policy-Making wäre für Politikwissenschaftler und Historiker hoch relevant. Da in letzter Zeit auch weitere Leaks wie etwa die Palästina-Papiere bei Al-Dschasira und dem Guardian entstanden, könnte man hier verschiedene Positionen und Strategien vergleichen und nach ausgesuchten Fragestellungen analysieren.

Die “Palästina-Papiere“ allein bieten Stoff für mehrere Dissertationen. Aus medienwissenschaftlicher Sicht könnte man untersuchen, inwieweit sich die Sicht der Diplomaten von der Sicht der Journalisten unterscheidet und in welchem Ausmaß sie Themen aufgreifen und vertiefen, die nicht auch von der Presse abgedeckt werden. Damit ließe sich feststellen, inwieweit sich Informationsflüsse im staatlichen Sektor vom öffentlichen Sektor unterscheiden. Frühere Studien haben etwa zum Thema “Open Intelligence“ festgestellt, dass 95 Prozent der Informationen, die Nachrichtendienste verarbeiten, aus öffentlichen Quellen stammen. Bei etwas längerem Nachdenken könnte man sicherlich noch auf viele weitere Themen kommen.

Erschienen in der Berliner Gazette am 22.2.2011

(Alp-)Traum WikiLeaks

24 Tage lang protokollierte die britische Tageszeitung The Guardian auf ihrer Website, was die New York TimesDer SpiegelLe MondeEl País und sie selbst über die 251.000 Depeschen des US-Außenministeriums veröffentlichten. Am 22. Dezember schließlich der letzte Eintrag, der unter anderem auf ein Interview des Spiegel mit Bundesinnenminister Thomas de Maizière hinwies, der WikiLeaks als „ärgerlich, aber keine Bedrohung“ bezeichnete. Einen Tag zuvor hatte US-Vize-Präsident Joe Biden WikiLeaks-Chef Julian Assange noch als „Hightech-Terrorist“ bezeichnet.

Eine Auswertung dieser Chronologie zeigt, dass der Guardian mit Abstand das Meiste aus den Depeschen machte: Er veröffentlichte in den ersten 24 Tagen 158 Artikel, das sind 7 Artikel täglich. Etwa auf einer Augenhöhe befinden sich der Spiegel mit 30 Beiträgen, dieNew York Times mit 32 Beiträgen und El País mit 33 Beiträgen und etwa 1,4 Artikeln pro Tag im Schnitt. Deutliches Schlusslicht ist Le Monde mit 23 Beiträgen – mit gerundet etwa einem Beitrag täglich. Allerdings sind etliche Artikel des Spiegel dabei nicht berücksichtigt. Nach Auskunft des Spiegel-Sprechers Hans Ulrich Stoldt veröffentlichte der Spiegel im Heft,online sowie in einer Spiegel-Special-Ausgabe insgesamt 143 Beiträge in diesem Zeitraum. Damit ist der Guardian aber immer noch unangefochtener Spitzenreiter.

Die meisten Beiträge wurden in der ersten Woche veröffentlicht, in der zweiten Woche ging die Frequenz zurück, in der Woche vor Weihnachten stellten einige Redaktionen die Berichterstattung ganz ein. Der Spiegel veröffentlichte laut der Zählung des Guardian nur noch eine einzige Geschichte. Von Weihnachten bis zum 18.1. veröffentlichte er nach Angaben von Stoldt nur noch weitere fünf Beiträge. Eine Planung, in welchem Tempo weiterhin veröffentlicht werden soll, gebe es nicht.

Keine Auswertung gibt es darüber, in welchem Ausmaß diese Berichte von anderen Medien aufgegriffen und weiter recherchiert wurden. Vielleicht eine Aufgabe für künftige Journalistik-Studien. Unzählig hingegen sind die Berichte über den Fall des WikiLeaks-Gründers Julian Assange.

Deutlich wird jedenfalls die Führungsrolle des Guardian bei der redaktionellen Auswertung der US-Depeschen. Dies zeigt sich nicht nur an der Menge der bearbeiteten Informationen, sondern auch an der Art, wie diese präsentiert werden: Nämlich möglichst übersichtlich für die Leser – und im Sinne der vom Guardian seit Jahren offensiv propagierten „Open Data“-Philosophie, die bereits zahlreiche aufsehenerregende Datenjournalismus-Projekte inspirierte.

In diesem Zusammenhang ist es auch erwähnenswert, dass der Guardian die Metadaten der WikiLeaks-Cables in einer offenen Datenbank zur Auswertung frei gegeben hat – während etwa der Spiegel die Depeschen lediglich in einer von außen unzugänglichen Flash-Grafik aufbereitet hat. Auf diese Weise entstanden auf Grundlage der Guardian-Daten einige interessante Auswertungen. Unter anderem visualisierte eine Grafik Themenstränge für die Jahre 2001 bis 2003 und zeigt damit den Impact des 11. September auf Amerikas Diplomatie. Gefährdet wird durch die Freigabe der Metadaten niemand, doch nicht nur für Journalisten, sondern auch für Politikwissenschaftler und Historiker können solche Auswertungsmöglichkeiten wertvoll sein.

Exklusive Themenauswahl

Wie gingen die von WikiLeaks bedachten Redaktionen bislang mit den Depeschen um? Auffallend ist, dass sie darauf achteten, eigene Themen zu setzen. Eine Geschichte desGuardian mit Deutschlandbezug, die kurz vor Weihnachten erschien, wurde beispielsweise vom Spiegel nicht aufgegriffen. Darin ging es um das zeitweise Engagement des Energiekonzerns RWE in einem Kernkraftwerkprojekt in Bulgarien, das laut der Depeschen von ständigen Sicherheitsproblemen begleitet war. Für die Briten war es offenbar deshalb eine Geschichte, weil RWE Besitzerin von Großbritanniens größtem Energieversorgernpower ist, der das Projekt durchführte.

Es scheint, als wäre die große Enthüllungswelle erst einmal zum Erliegen gekommen. Seit Weihnachten werden die Depeschen auf der WikiLeaks-Website nur noch tröpfchenweise veröffentlicht. Woran dies liegt, darüber lässt sich spekulieren. Da den Redaktionen alle Depeschen vorliegen, könnte es daran liegen, dass der Sprengstoff der Depeschen schlicht verbraucht ist.

Aftenposten sprengt Kreis der Auserwählten

Dass dies nicht der Fall ist, zeigen die jüngsten Veröffentlichungen der norwegischen Tageszeitung Aftenposten. Sie hat seit Ende Dezember laut eigenen Angaben Zugriff auf alle Dokumente – durch ein Leck innerhalb von WikiLeaks. Offenbar gibt es innerhalb vonWikiLeaks Personen, die die bisherige Veröffentlichungspolitik torpedieren. Von diesem Leck profitierte inzwischen auch Die Welt, die dank einer Kooperation mit Aftenposten seit Mitte Januar ebenfalls „ohne jede Beschränkung“ Zugriff auf alle Depeschen hat.

Die ersten Veröffentlichungen von Aftenposten lösten internationale Resonanz aus. So erläuterten Dokumente der US-Botschaft in Oslo die Verhandlungen zwischen Norwegen und Russland über die gemeinsame Grenze in der Barents-See. Eine AFP-Meldung griff einen weiteren Aftenposten-Bericht auf, wonach Deutschland und die USA für rund 205 Millionen Euro gemeinsam ein hochauflösendes Satellitensystem unter dem Projektnamen HiROS gegen Widerstände aus Frankreich entwickeln wollten. Dieser Satellit soll unter der Kontrolle des Bundesnachrichtendienstes und des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) stehen. Etliche Tage später berichtete auch Spiegel Online über das Projekt – und dass die Bundesregierung es nicht unterstützen wolle. Dabei wurde die entsprechende Depesche weder verlinkt, noch wurde der Bericht von Aftenposten erwähnt.

Die Redaktionen scheinen mit den Depeschen mit einer nahe liegenden Methode umzugehen: Sie recherchieren die Themen, die sie kennen. Werden sie fündig und erscheint das Material interessant genug, berichten sie darüber. Es ist offensichtlich, dass auf diese Weise noch längst nicht alles publiziert wurde, was Nachrichtenwert besitzt. Die bislang veröffentlichten Geschichten reflektieren damit vermutlich vor allem die aktuelle Interessenlage und Themenkompetenz der jeweiligen Redaktion.

Exklusivvertrag mit WikiLeaks?

Aftenposten gehört nicht zu dem erlauchten Kreis der vier großen Publikationen (Guardian,Le MondeEl País und Spiegel), die mit WikiLeaks die Veröffentlichung vereinbart hatten. Die New York Times selbst hat die Dokumente vom Guardian bekommen. Aftenposten-Redaktionsleiter Ole Erik Almlid sagte laut der Nachrichtenagentur dapd: „Wir haben diese Dokumente ohne Auflagen und ohne etwas dafür zu bezahlen bekommen“. Die Zeitung werde die ihr wichtig erscheinenden Depeschen veröffentlichen und unter Umständen heikle Informationen wie Namen unkenntlich machen.

Die Äußerung von Almlid wirft aber auch ein interessantes Licht auf die mutmaßliche Vereinbarung zwischen WikiLeaks und den vier Redaktionen. Spiegel-Sprecher-Stoldt jedenfalls sagt: „Es gibt keinerlei Vereinbarungen mit WikiLeaks. Ausnahme: Der Termin zur ersten Veröffentlichung der Depeschen war mit WikiLeaks und den anderen Medienpartnern abgesprochen.“ Der US-Fernsehsender CNN und das Wallstreet-Journalhatten nach eigenen Angaben eine Zusammenarbeit jedoch abgelehnt, da sie nicht bereit waren, die von WikiLeaks geforderten Vertragsklauseln zu unterzeichnen. Diese sollen unter anderem eine nicht mit WikiLeaks abgestimmte Publikation verbieten. Außerdem ist die Rede von einer Vertragsstrafe von 100.000 Dollar bei Zuwiderhandlung.

Ob eine mindestens mündlich getroffene Vereinbarung zwischen den Verlagen und der Enthüllungsplattform presserechtlich ebenfalls als Exklusivvertrag zu werten ist, darüber wird der Presserat im März entscheiden müssen. Im Falle des Spiegel geht es immerhin um einen exklusiven Zugang innerhalb des deutschsprachigen Raums. Nach Ansicht der Beschwerdeführerin verstößt der Spiegel gegen die Richtlinie 1.1. des Pressekodex. Sie untersagt Exklusivverträge mit Informanten über „Vorgänge oder Ereignisse, die für die Meinungs- und Willensbildung wesentlich sind“. Weiter heißt es: „Wer ein Informationsmonopol anstrebt, schließt die übrige Presse von der Beschaffung von Nachrichten dieser Bedeutung aus und behindert damit die Informationsfreiheit.“

Eine Frage der Masse

Das Besondere an den WikiLeaks-Depeschen ist ganz offensichtlich die schiere Masse: Um sie auswerten zu können, muss eine Redaktion nicht nur über genügend Manpower und Know-How verfügen. Sie sollte auch in der Lage sein, mit anderen journalistischen Organisationen vertrauensvoll zu kooperieren. Trotz des angeblich fehlenden Vertrags ist der Spiegel dazu aber anders als die Aftenposten nicht bereit. Stoldt zu dieser Frage: „Es sind keine Kooperationen mit anderen Redaktionen vorgesehen.“ Aus Sicht der Journalisten als Protagonisten der Meinungs- und Pressefreiheit muss das Hauptinteresse darin bestehen, die Informationen einzuordnen, zu bewerten – und dann erst Öffentlichkeit bei einem Optimum an Transparenz herzustellen. Aus Sicht der Whistleblower muss der Informantenschutz gewahrt – und eine größtmögliche Öffentlichkeitswirkung erzielt werden.

Weil in den Datennetzen von Behörden und Unternehmen immer mehr Dokumente gespeichert werden, werden künftig immer wieder Whistleblower massenhaft Daten an die Öffentlichkeit bringen wollen. Für Journalisten ist das sowohl Anlass zur Freude als auch zur Sorge. Einerseits erhält man brisantes Material für aufsehenerregende Geschichten. Andererseits müssen die Dokumente wie andere auch auf Authentizität und Echtheit überprüft werden. Außerdem müssen Sicherheitsmaßnahmen ergriffen werden, um die Informanten samt Material zu schützen. Eine Aufgabe, der sicherlich nicht jeder Journalist und auch nicht jede Redaktion gewachsen ist.

Auch muss eine Redaktion sich mit der Frage auseinandersetzen, wie weit das eigene Veröffentlichungsinteresse tatsächlich geht. Die Masse der Dokumente reicht aus, um die Berichterstattung auf Jahre hinaus zu versorgen. Doch darauf wird sich kein Verlag einlassen, da es immer auch konkurrierende Themen gibt, die möglicherweise von größerer Relevanz sind. Im Ergebnis sind die Archive der jeweiligen Redaktionen um eine wertvolle zusätzliche Quelle erweitert. Im Sinne einer informierten Öffentlichkeit stellt sich jedoch die Frage, ob eine Privatisierung dieses Informationsschatzes richtig ist. Auf dies würde es nämlich hinauslaufen, wenn WikiLeaks das aktuelle Veröffentlichungstempo beibehält – und dies stünde der ursprünglichen Intention der Whistleblower-Plattform entgegen.

Ganz offenbar müssen Journalisten und Whistleblower neue Prozeduren entwickeln, um verantwortlich mit dem Material umzugehen. Einerseits müssen sie Informanten schützen, andererseits müssen sie so viele Informationen wie möglich strukturiert veröffentlichen. Dabei müssen sie viele, sich widerstreitende Interessen austarieren.

Nüchtern betrachtet besteht das Neue an WikiLeaks vor allem in der Masse der Veröffentlichungen, ihrem weltweiten Erfolg und darin, der Weltöffentlichkeit einen tragischen Helden zu liefern. Seit Jahrzehnten gibt es nämlich schon die WebsiteCryptome.org des New Yorker Architekten John Young, die ebenfalls vertrauliche Dokumente aus aller Welt im Internet veröffentlicht. Er musste ebenfalls bereits mehrere Gerichtsprozesse durchstehen – erfolgreich. Denn die Presse- und Meinungsfreiheit werden in den USA von den Gerichten so hoch bewertet, dass John Young bislang immer durchkam.

Ob ein Prozess gegen WikiLeaks in den USA erfolgreich sein wird, ist zweifelhaft. Man müsste Assange schon nachweisen, dass er den verhafteten Whistleblower Bradley Manning zum „Verrat“ von Staatsgeheimnissen anstiftete. Dies würde dann in die Kategorie „Spionage“ fallen, was zu ahnden wäre. Dafür könnte es genügen, Manning zu einer entsprechenden Aussage zu bringen. Assange äußerte selbst diese Vermutung gegenüber dem britischen Nachrichtenmagazin New Statesman: „Bradley Manning zu knacken, ist nur der erste Schritt. Ganz offensichtlich ist es das Ziel, ihn zu brechen und ein Geständnis zu erzwingen, dass er sich in irgendeiner Weise mit mir verschworen hat, um die nationale Sicherheit der USA zu verletzen.“

Nächste Schritte

Immer wieder betonten die Macher von WikiLeaks, dass ihre Technik so ausgestaltet ist, dass die Identitäten der Whistleblower gegenüber der Plattform unbekannt bleiben. Anonymität ist damit nicht nur ein Schutz der Quelle, sondern auch automatisch ein rechtlicher Schutz für die Empfänger.

Angesichts des unbestreitbaren Erfolgs der Plattform ist es erstaunlich, dass es im Zeitalter innovativer Zeitungsausgaben für das mobile Internet nicht schon längst auf allen Verlagswebsites anonyme digitale Briefkästen für Informanten gibt. Die Technik dafür gibt es nicht erst seit heute. Schon seit etwa zehn Jahren unterstützen etwa das Kryptoprogramm „Pretty Good Privacy“ und das Anonymisierungstool JAP kostenlos die sichere und anonyme Kommunikation. Dass ehemalige WikiLeaks-Mitarbeiter nun mitOpenLeaks ein handliches Tool für Whistleblower anbieten wollen, das dies aus einer Hand bietet, ist überfällig. Diese Initiative hätte aber auch von professionell-journalistischer Seite kommen können.

Ein weiterer nächster Schritt könnte darin bestehen, sich in Deutschland für die rechtliche Absicherung von Informanten einzusetzen. Einen gesetzlichen Whistleblower-Schutz gibt es nämlich bis heute nicht.

Erschienen in der Ausgabe 1/2-2011 der M

Presserat-Beschwerde in der Sache Wikileaks

Ich habe heute eine Beschwerde beim Deutschen Presserat gegen den “Spiegel” eingereicht. Meiner Ansicht nach verstoßen seine Artikel, die sich auf die von Wikileaks dem Spiegel zur Verfügung gestellten 251 287 Depeschen des U.S. State Department beziehen, gegen die Richtlinie 1.1 des Presserat-Kodex’.

Diese Dokumente wurden seit dem 29.11.2010 täglich in einer Auswahl auf der Website von Wikileaks und entsprechend auch auf der Website des Spiegel veröffentlicht. Veröffentlicht wurden bislang in der Regel Dokumente, die von den Redaktionen des “Spiegel”, der “New York Times”, des “Guardian”, von “El Pais” und “Le Monde” bereits ausgewertet und über die diese bereits berichtet hatten. Die besagten Redaktionen erhielten damit für ihren Verbreitungsraum einen exklusiven Zutritt zu den Materialien.

Am 12.12. wurden erst 1 344 Depeschen veröffentlicht. Die Redaktionen werden daher – das gegenwärtige Veröffentlichungstempo vorausgesetzt – über Monate hinweg einen exklusiven Zugang zu dem Hauptteil des Materials haben. Dabei scheinen sie sich, was den zeitlichen Zusammenhang von veröffentlichten Artikeln und ausgesuchten Depeschen anbelangt, abzusprechen.

Für den deutschsprachigen Raum verfügt “Der Spiegel” über einen exklusiven Zugang zu dem Gesamtpool der Depeschen. Andere Redaktionen und freie Journalisten können mangels Zugang die Depeschen nicht nach eigenen Kriterien erschließen und sich kein eigenes Bild verschaffen. “Der Spiegel” ist somit in der Lage über einen langen Zeitraum hinweg Agenda-Setting zu betreiben.

Halten die besagten Verlage sich nicht an Abmachungen mit Wikileaks wie Sperrfristen, soll sich dies negativ auf die weitere Kooperation auswirken, wie vielfach berichtet (etwa hier) wurde. Insofern ist mindestens von einem mündlich vereinbarten Exklusivvertrag auszugehen.

Laut Richtlinie 1.1 des Pressekodex’ darf die “Unterrichtung der Öffentlichkeit über Vorgänge oder Ereignisse, die für die Meinungs- und Willensbildung wesentlich sind”, “nicht durch Exklusivverträge mit den Informanten oder durch deren Abschirmung eingeschränkt oder verhindert werden”. Denn damit schließe derjenige, der “ein Informationsmonopol anstrebt”, “die übrige Presse von der Beschaffung von Nachrichten dieser Bedeutung aus und behindert damit die Informationsfreiheit.”

Dies sehe ich im Fall der Kooperation des “Spiegel” mit Wikileaks gegeben.

Nachtrag vom 14.12.2010: Noch etwas Hintergrund zur Beschwerde bei den Netzpiloten.

 

News Enlightenment in Germany

by Miriam Bunjes and Christiane Schulzki-Haddouti

introduction

“There shall be no censorship” says the German Basic law in Article 5 postulating freedom of expression, arts and sciences. There are – nevertheless – topics that do not make it in the news: Patients in need are left alone in hospitals, because social long term insurance is not paying for special assistance, there is less severe juridical punishment for the rape of disabled people and there is an environmentally friendly alternative to the soil and ground water polluting brake pads customary in the trade – topics, that over the years, have affected many people in Germany but have not been covered by the media. Why?
Compared to the USA, there is less concentration of publishers. Whereas the US-American media system is predominantly free-market liberal, the German media system possesses a strong public service broadcast, which was established after Second World War – expressly to convey press freedom. The press market is more and more concentrated in ownership, private broadcasting is by now the stronger pillar in the broadcasting system and is as regards content dominated by entertainment. Nevertheless: There still is a multitude of products, ownerships, topics and analyses. Therefore an all-encompassing influence of the government and related groups does not seem likely to be the dominant reason for the under-representation of certain topics in the news.
Instead, there is another severe problem which is obviously linked to under-reporting: In general, research is not regarded as the basic quality of journalism in Germany and therefor has a rather low significance in work routine and training in publishing houses, journalism schools and universities. This bad habit is on the increase because of the ongoing economical media crisis especially in the newspaper business. Less editors are supposed to produce more content. Producing crossmedia products displaces research in the work routine: there are more articles with less sources especially in local papers, the media closest to the population. The loss of quality leads to not reporting: Less obvious, because not promoted, stories are easily overseen, there is no manpower for background stories, research with an open outcome is regarded as a luxury. This, of course, makes journalism vulnerable to the Public Relation strategies of any kind of interest group or – drastically verbalised – to censorship.
One of the aims of the German “Initiative Nachrichtenaufklärung” is therefore to watch and analyse developments in German journalism that lead to a structural under-representation of topics in order to correct and improve media news coverage in publishing houses and raise a public debate about economic and ideological structure in journalism and journalism education. We want to show leaks and problems in established media and encourage journalists and publishers to publish the left-out and therewith gain as much publicity as possible.
Reflecting the reasons for not-reporting should help to identify problematic structures that can also depend on the journalist as a professional individual, on awkward work-routines, problems in the journalism education system, work ethics or on the nature of news and news selection itself. By analysing the unreported you also gain knowledge about the reported – an therefore about the state of German journalism.
In order to offer a broad view this essay takes a look at the TOP German stories published by the Initiative Nachrichtenaufklärung from 1997 to the recent list of under-represented stories in 2009. What kind of stories do German media fail to cover over the years? What does that say about the German media and last but not least: What are the consequences for our work for “Initiative Nachrichtenaufklärung”?

status quo

Up to today, the “Initiative Nachrichtenaufklärung” (INA) has published an annual TOP 10 list of silenced news topics. The INA was founded in 1997 by the communication scholar Peter Ludes after he read about Project Censored in the USA. The founder´s motivation was: Structures that lead to the under-reporting of specific news exist in German journalism as well. Because of the wide variety of causes for not publishing stories the INA chose its name – Nachrichtenaufklärung, News enlightenment, in English. Under-exposed news should be spot-lighted. Whenever a list of under-reported news stories is published the reasons for under-reporting are discussed as well – in order to criticize the media constructively.
The news stories are carefully checked by journalism and media students at the universities of Dortmund, Bonn and the Macromedia college Hamburg. Within the seminars, the main facts are validated and discussed as regards their relevance for the German population and their presence in German media – the INA is also a means to teach research, an under-represented subject in German journalist education. News stories that turn out to be true, that affect a great deal of people and, at the same time, are not adequately covered by the media are presented to a jury every year. The jury – with currently 11 members – consists of journalists as well as scholars in order to ensure a holistic view on relevant topics. The jury meets annually and discusses the research presented by the seminars.
Proposals for relevant but silenced news stories come from citizens, NGOs, scholars, journalists and various interest groups. We get more or less 150 proposals a year – basically after publishing our Top 10 list. After publishing we get a lot of attention from the media, but still the initiative is unknown to many Germans. Meanwhile many journalists have started researching the left-out stories – which means, after some time at least some of the stories are not left-out anymore.

analysis

Since 1997, the INA´s jury named 121 under-reported stories. After a topic analysis it becomes obvious that there is a trend in not-reporting: Almost 14 percent (13,6%) of all TOP-stories are stories about economy. We used 16 categories in total: Economy (13,6%), International Affairs (11,7%), Police, Military & Intelligence Service (11,4%), Democracy (9,1%), Data Protection & Security (8%), Social Affairs (7,6%), Health (6,8%), Technology (5,7%), Ecology (5,7%), Corruption (3,8%), Media (3,8%), Future (3%), Justice (3%), Europe (2,7%), Political asylum (2,3%), Atomic energy (1,9%). Multiple Choice of category was permitted.

Topic Analysis of INA Top Stories 1997 – 2009

The economy as such is, of course, not under-represented in German media: There are books for stock-market reports in almost every newspaper, stock-market quotations are even part of the evening news and local newspapers inform their readers about new regional investments. What was left out over the years were the more complicated and controversial stories: Pharmacy industry infiltrates patient organisation blogs with surreptitious advertising in 2008 – a topic demanding extensive research. In 2009 the jury nominated with “Church finances not controlled” another complicated topic, which is – like almost every INA-topic -inconvenient to work on because it is controversial. Most of all: The stories were not current in a way an event is: Like the finance crisis, which developed over years mainly uncovered by global media, those topics describe a problematic condition. As journalists tend to overemphasize topicality they focus on short-term aspects such as events, regardless whether they are staged or real. Therefore the media lacks a holistic perspective, journalists seem to have lost track of long-term consequences for society: Their analysis – a fundamental task of journalism in democracy – is constantly neglected over the years.

Complex and controversial correlations are left-out as well when reporting about international affairs (11,7%) and democracy (9,1%) – fields that dominate journalism in general. But programs and articles are predominately filled with current quotes and actions of the political elite – that German laws violate an UN Convention as regards forcing people into psychiatric clinics (TOP 1 in 2009) is missing in German media as well as news coverage about the European Union`s progress towards becoming a military Union (TOP 5 in 2004).
Permanent candidates on the INA TOP-lists are as well stories about social affairs (7,6%) and health (6,8%). The current TOP 1 gives a striking example: Half a million people in Germany are dependent on professional carers in their daily lives. But when they go to hospital they have to do without help. In clinics with severe shortage of nursing staff behaviour requiring additional care time is treated with tranquilizers. The state of affairs is known to politics but the law passed is insufficient. There has never been a public debate, because there is no media coverage – though the story is relevant to a huge number of citizens as regards future demography. At the moment the aggrieved party is without a powerful lobby with professional public relation strategies – an alarming reason not to report.
Left-out are also topics in fields of technology, ecology, civil security, corruption, media, future, justice, Europe, political asylum, police and atomic energy.

multi-factoral reasons for under-reporting

Why does it seem so difficult to report about complex and controversial topics and how come journalists tend to overlook topics concerning old, poor or sick people? Studies show that journalists predominantly have an elite family background (cf Ziegler 2008, Weischenberg 2006) : Almost every journalist comes from a middle class family and is friendly with other journalists or economic and political leaders. That can induce a limited view on society even though the individual and professional intention is different as social co-orientation narrows professional awareness.
In order to explain the reasons for under-reported news in general there are several factors to consider (cf Schulzki-Haddouti/Bunjes/Jacob 2009). Digitisation of news for instance has changed many rules of the media game. Barriers for publishing are falling, the media are losing their gatekeeper functions (cf Bruns 2005, Neuberger 2005, Meier 2007). Young users and heavy readers increasingly turn to online media and ignore the content bundling of traditional providers (Kolo/Meyer Lucht 2007). A de-territorialisation of communication space overcomes the traditional range of coverage. Ads revenues are declining as clients invest in online advertisement which is no longer controlled by publishing houses. In this process traditional mass media is struggling to learn the new emerging rules for decentralised and networked online publishing.
Consequently time and money seem to run short. As ad revenues are declining, many news organisations reduce their staff and engage less free-lance journalists. Consequently,journalists have less and less time for research (Weischenbert 2006). Editorial staff has been re-organized at various newspapers in the last few years as an answer to economic pressure. A recent study showed that the establishment of new newsroom models does not necessarily co-relate to better journalistic quality (Grittmann 2009).
Public relation activities are gaining influence in newsrooms. A study have shown that editors tend to publish public relation material without further questioning (cf Haller 2005, Lilienthal 2009). The main reason for this is that journalists have had to reduce their research-time as they have to fulfil more and more tasks that are not genuinely journalistic but organisational.
As mentioned above, research as journalistic routine is not a core module in journalistic education as the curriculum of most institutions focuses on production methods. Many trainers take research competences for granted and therefore do not reflect research methods.
In respect to society and politics journalism has lost quite a few privileges in the last few years. Various new legal regulations have weakened the protection of whistleblowers and research material (Schulzki-Haddouti 2008). More and more actions for injunction are filed to suppress unwanted publication. Compared to the U.S. law the new established German Freedom of information act knows many exemptions. Many requests are not answered, the process of proliferating state documents is prolonged and is consequently made more expensive (Redelfs 2009). Recent changes in copy right law have weakened the copy right holders in favour of publishers.
Another thing must not be kept quiet: The INA does not choose topics from a representative sample. We get the topics from NGOs, individual scholars and citizens and off the Internet. That can lead to a serious bias, because socially committed institutions and persons tend to be very active for initiatives like the INA. There can well be under-reported but relevant news in different fields with a less committed lobby.
Much under-reported news could be found in the internet or the blogosphere, but we seldom receive appropriate proposals. On the one hand the blogosphere is simply too large to be monitored by a handful of students during their semester. If they tried they would have to apply specific filters for the aggregation of under-reported news. But how should these filters be developed and matched with mass media reporting? The danger of neglecting specific topics would be still eminent as these filters would be presumably based on historic findings and could therefore have a blind spot as regards current and future developments.
Finally, we have to admit: The INA is still not a professional working organisation. There are research courses at the mentioned institutions where several teachers co-ordinate their work. But there is no professional watchdog realising the steady and continuing management of our initiative. Due to this lack of professional organisation we have not been able to improve our existing network of experts in order to obtain more proposals and to widen the perspective of our regular issue providers.

conclusions

Our present main and pragmatic aim is to support the field of research in education. We are convinced that this is a key competence of journalism today and tomorrow. In this sense we want to open up towards the further education market to reach more journalists in publishing houses.
As regards digitisation, we have to rethink our ways of gaining proposals for under-reported or as we say in German “neglected” news and as well our way of communicating our annual findings. We could implement certain research filters in order to find relevant news based on our Top 10 topics in the last thirteen years. Meanwhile, we have to reach out offensively into society to obtain not-previously-thought-of topics. One method could be to push our existing network of supporters and experts via open social networks like Facebook and LinkedIn or privately managed networks like Mixxt – and, of course, continual curation. We have to consider though, that our small organisational and financial foundation would not support these efforts right now as supporting social networks demands a steady and reliable committment.
We also have to rethink our annual publication routine. Is it advisable to publish our findings once a year when it gets harder and harder to get public attention and support? Can we maintain our network if we do not curate it on a regular basis? Do we have to find new formats like dossiers beside our Top 10 list? And, if so, how can we organise and implement these new formats in a professional way?
We are still convinced that these measures would be worth-wile as the above mentioned factors continue to professional reporting deteriorate – something, which is so essential for a vivid democratic society. But there is still a long way to go.

literature

  • Bruns, Axel (2005): Gatewatching: Collaborative Online News Production. New York
  • Grittmann, Elke (2009): Vereinheitlichung statt Vielfalt? Eine Inhaltsanalyse zur Qualität der Tageszeitungen in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein. Zwischenbericht, Hamburg
  • Haller, Michael (2005): PR-basierte Zeitungsberichte. In: message 3/2005.
  • Kolo, Castulus und Meyer-Lucht, Robin (2007): Erosion der Intensivleserschaft. Eine Zeitreihenanalyse zum Konkurrenzverhaeltnis von Tageszeitungen und Nachrichtensites, In: M&K Medien- und Kommunikationswissenschaft, 4/2007. http://www.m-und-k.info/MuK/hefte/Aufsatz_07_04.pdf
  • Lilienthal, Volker (2009a): Qualitaetsjournalismus vor neuen Herausforderungen: Prekaere Finanzierungsmodelle und die Infiltration von PR. Rede anlässlich der Tagung „Finanzierung von Qualitätscontent“ des Hans-Bredow-Instituts am 9. Juni 2009 in Hamburg. http://www.hans-bredow-institut.de/node/2732
  • Meier, Klaus (2007): Innovations in Central European Newsrooms. In: Journalism Practice, 1:1: 4-19
  • Neuberger, Christoph (2005): Das Ende des „Gatekeeper“-Zeitalters. In: Lehmann, Kai/Schetsche, Michael (Hg.): Die Google-Gesellschaft. Vom digitalen Wandel des Wissens. Bielefeld: transcript: 205-212
  • Redelfs, Manfred (2009): Informationsfreiheit in Sparversion. In: Journalistik 2/2009
  • Schulzki-Haddouti, Christiane (2008): Alarmpfiff. In: M – Menschen Machen Medien 06-07/2008. http://mmm.verdi.de/archiv/2008/06-07/kolumne/alarmpfiff
  • Schulzki-Haddouti, Christiane / Bunjes, Miriam / Jakob,Geribert (2009): Begrenzter Journalismus. Was beeinflusst die Entfaltung eines Qualitätsjournalismus. Analyse im Auftrag des 14. Mainzer Mediendisputs.
  • Weischenberg, Siegfried / Malik, Maja / Scholl, Armin (2006): Die Souffleure der Mediengesellschaft. Report über die Journalisten in Deutschland. Konstanz
  • Ziegler, Peter (2008): Die Journalistenschueler. Rollenselbstverstaendnis, Arbeitsbedingungen und soziale Herkunft einer medialen Elite. Berlin: Friedrich-Ebert-Stiftung. http://library.fes.de/pdf-files/stabsabteilung/05773.pdf

authors

Miriam Bunjes works as free-lance journalist since 2007. Before, she was editor at the “tageszeitung” She is responsible for INA research seminars at the Technische Universität Dortmund and is member of the INA jury since 2007.

Christiane Schulzki-Haddouti has worked as freelance journalist since 1996 and as a researcher for socio-technical issues since 2007. She has been member of the INA Jury since 2000. She was responsible for research seminars of the Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) at the Technische Universität Dortmund, Germany, from 2002 to 2005 and has been responsible for INA research seminars at the University of Bonn since 2005. She is co-founder of the Whistleblower Netzwerk e.V. in Cologne, Germany. She blogs at http://blog.kooptech.de, and her website can be found at https://www.schulzki-haddouti.de.

Published in: Peter Ludes (Ed.) (2011): Algorithms of Power – Key Invisibles