{"id":709,"date":"2012-05-17T12:51:27","date_gmt":"2012-05-17T12:51:27","guid":{"rendered":"http:\/\/schulzki-haddouti.de\/?p=709"},"modified":"2012-07-13T09:54:58","modified_gmt":"2012-07-13T09:54:58","slug":"leaking-sites-und-plagiatewikis-erweiterung-der-offentlichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schulzki-haddouti.de\/?p=709","title":{"rendered":"Leaking-Sites und Plagiatewikis: Erweiterung der \u00d6ffentlichkeit"},"content":{"rendered":"<p><strong>Plattformen wie Wikileaks oder das Guttenplag-Wiki werden nicht von Journalisten, sondern von Aktivisten und aus der Zivilgesellschaft heraus betrieben. In einer neuen Arbeitsteilung dienen sie ebenso der Herstellung von \u00d6ffentlichkeit.<\/strong><\/p>\n<p>In \u00e4lteren Modellen der Medientheorie stellen Massenmedien \u00d6ffentlichkeit her, \u00fcber die sich B\u00fcrger informieren k\u00f6nnen. Sie \u00fcben eine Gatekeeper-Rolle aus, in dem sie bestimmen, was \u00f6ffentlich pr\u00e4sentiert wird. Seitdem zivilgesellschaftliche Organisationen und B\u00fcrger im Internet ihre Anliegen und Themen \u00fcber verschiedene Dienste auf einfache Weise ver\u00f6ffentlichen k\u00f6nnen, hat sich das ge\u00e4ndert. In Diskursen, die mit Schlagw\u00f6rtern wie \u201eBlogger versus Journalisten\u201c oder \u201eWikileaks versus Zeitungen\u201c arbeiteten, wurde das Unbehagen journalistischer Akteure an den neuen kommunikativ-medialen Verh\u00e4ltnissen deutlich. Sie geben vor, es sei ein neues Konkurrenzverh\u00e4ltnis entstanden, das zu Qualit\u00e4tsverlusten f\u00fchre und das ethische und professionelle Standards verletze, ja letztlich den Journalismus und damit die Demokratie gef\u00e4hrde.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nZun\u00e4chst l\u00e4sst sich jedoch einfach nur feststellen, dass sich der \u00f6ffentliche Raum mit dem Internet zunehmend erweitert. Die Frage ist: Wie ver\u00e4ndert er sich mit Whistleblower-Plattformen wie Wikileaks und Crowdsourcing-Plattformen wie GuttenPlag oder VroniPlag? Welche Funktionen \u00fcbernehmen die neuen Medien f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit? In welchem Verh\u00e4ltnis stehen sie zum traditionellen Journalismus? Ist das, was sie machen, journalistisch?<\/p>\n<h2>Was Journalisten tun<\/h2>\n<p>Um diese Fragen beantworten zu k\u00f6nnen, ist es hilfreich sich zu \u00fcberlegen, \u00fcber welche Kernkompetenzen Journalisten verf\u00fcgen m\u00fcssen, um professionelle Arbeit leisten zu k\u00f6nnen. Zun\u00e4chst m\u00fcssen Journalisten Nachrichten und Themen erschlie\u00dfen k\u00f6nnen \u2013 \u00fcber die Recherche und das Monitoring des aktuellen Nachrichtengeschehens. Eine weitere Kernkompetenz besteht darin, die hier gefundenen Inhalte professionell zu analysieren, zu erschlie\u00dfen und mit verschiedenen Methoden darzustellen. Hierf\u00fcr ist es unerl\u00e4sslich Entwicklungen und Trends erfassen und kontextualisieren zu k\u00f6nnen. Beispielsweise l\u00e4sst sich dies mit der Analyse von Statistiken bewerkstelligen. Es zeigt sich auch daran, kulturellen, sozialen oder wirtschaftlichen Wandel beschreiben zu k\u00f6nnen. Eine weitere Kernkompetenz besteht darin, einen Diskurs zwischen verschiedenen Interessensgruppen anregen und moderieren zu k\u00f6nnen. Schlie\u00dflich gilt es \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit zu generieren, Publizit\u00e4t herzustellen und hierf\u00fcr technische wie soziale Ver\u00f6ffentlichungsprozesse beherrschen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Im journalistischen Alltag sind nur selten alle Kernkompetenzen gleicherma\u00dfen gefragt. Journalisten spezialisieren sich in der Regel nur auf eine Auswahl. Reporter etwa konzentrieren sich auf die Recherche sowie auf die Darstellung ihrer Themen. Schreibtischredakteure hingegen widmen sich verst\u00e4rkt dem Monitoring, der Erfassung von Trends, der Betreuung von Reportern und Autoren sowie den technischen Ver\u00f6ffentlichungsprozessen. Moderatoren wiederum sind Spezialisten des \u00f6ffentlichen Diskurses. Gemeinsam sind sie Teil des journalistischen Ver\u00f6ffentlichungsprozesses.<\/p>\n<h2>Unsch\u00e4rfen: PR und Journalismus<\/h2>\n<p>Auffallend ist, dass auch professionelle \u00d6ffentlichkeitsarbeiter \u00fcber dieselben Kernkompetenzen verf\u00fcgen m\u00fcssen. Wohl deshalb d\u00fcrfen sich\u00a0 journalistischen Verb\u00e4nden wie dem Deutschen Journalisten-Verband (DJV) Personen, die sich der \u201e\u00d6ffentlichkeitsarbeit\u201c widmen, auch als Journalisten bezeichnen \u2013 und verf\u00fcgen \u00fcber den gleichen Rechtsschutz wie ihre journalistischen Kollegen. Sie unterscheiden sich jedoch in einem wesentlichen Punkt von Journalisten: Denn die Hauptaufgabe von Journalisten besteht darin, \u00d6ffentlichkeit herzustellen, wie etwa der Dortmunder Journalistikprofessor Horst P\u00f6ttker sagt. Kommt ein Journalist dieser Aufgabe nicht nach, handelt er nicht professionell. PR-Fachleute hingegen haben die Aufgabe, im Sinne ihres Auftraggebers bestimmte Sachverhalte der \u00d6ffentlichkeit zu pr\u00e4sentieren, andere, etwa Betriebsgeheimnisse oder kritische interne Vorg\u00e4nge, hingegen nicht. W\u00e4hrend also die Vernachl\u00e4ssigung oder gar Unterdr\u00fcckung bestimmter Nachrichten f\u00fcr Journalisten aus medienethischer Sicht unakzeptabel ist, ist sie f\u00fcr PR-Fachleute im Sinne der \u201eKanalisierung von Nachrichten\u201c Teil des Berufsverst\u00e4ndnisses. Es gibt in der Praxis also bestimmte Unsch\u00e4rfen in der Definition dessen, was als \u201ejournalistisch\u201c angesehen wird. Aus medienethischer Sicht ist jedoch das Primat der Herstellung von \u00d6ffentlichkeit als Hauptfunktion des Journalismus unumstritten.<\/p>\n<h2>Datenberge pr\u00fcfen<\/h2>\n<p>In welchem Ma\u00dfe handeln nun die Macher von Whistleblower- und Crowdsourcing-Plattformen journalistisch? Die journalistische Hauptaufgabe, \u00d6ffentlichkeit herzustellen, nehmen sie auf jeden Fall wahr.\u00a0 Wie sieht es hinsichtlich der journalistischen Kompetenzen aus?<\/p>\n<p>Akteure von Whistleblower-Plattformen recherchieren nicht selbst Inhalte, sondern warten auf den Input von Informanten, den sie selbst bewerten. Der ehemalige Wikileaks-Mitarbeiter Daniel Domscheit-Berg berichtete, dass er und Julian Assange alle Einsendungen auf Authentizit\u00e4t hin \u00fcberpr\u00fcften. Hier findet also eine \u2013 zumindest rudiment\u00e4re &#8211; Recherche-Leistung statt. Handelt es sich um umfangreiche Datenpakete wie etwa\u00a0 bei den Depeschen des US-Au\u00dfenministeriums, werden diese technisch-organisatorisch so aufbereitet und strukturiert, dass ihre Inhalte leichter erschlie\u00dfbar sind. Damit leistet Wikileaks eine Dienstleistung, die Recherche unterst\u00fctzt. In prominenten F\u00e4llen analysiert Wikileaks selbst die Inhalte und ver\u00f6ffentlicht seine Bewertung in Form einer Pressemitteilung. Wikileaks f\u00fchrte also eine Grundrecherche durch, erschloss die Inhalte rudiment\u00e4r und ver\u00f6ffentlichte die Daten. Es \u00fcbte damit nicht nur grundlegende journalistische Aufgaben aus, sondern erf\u00fcllt auch die Hauptfunktion: \u00d6ffentlichkeit herzustellen.<\/p>\n<h2>Die ganze Quelle bereitstellen<\/h2>\n<p>Die meisten der auf der Plattform ver\u00f6ffentlichten Dokumente blieben jedoch in der Regel unbewertet bzw. unkommentiert. Dies ist unter anderem auf den eigenen Anspruch zur\u00fcckzuf\u00fchren, unredigierte Quelleninformationen einer m\u00fcndigen \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4sentieren zu wollen, um nicht wie klassische Medien eine mehr oder weniger subjektive Vorauswahl oder Gewichtung zu treffen, die mit ihrer Ausblendung bestimmter Quellen praktisch einer Zensur gleichk\u00e4me. Dieser Anspruch ist damit gleichzeitig eine Kritik an den klassischen Medien, n\u00e4mlich sie k\u00e4men ihrer Hauptfunktion, \u00d6ffentlichkeit herzustellen, nur \u00a0unzureichend nach. Tats\u00e4chlich w\u00e4hlen Medien aufgrund diverser Nachrichenfaktoren immer aus, was sie in welchem Umfang ver\u00f6ffentlichen wollen. Es eine Reihe von Barrieren \u00f6konomischer, politischer und rechtlicher wie auch organisatorischer und kultureller Art, die dem Ideal einer totalen \u00d6ffentlichkeit entgegensteht.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst verfolgte Wikileaks den Ansatz, die Informationen mehr oder weniger unkommentiert zu ver\u00f6ffentlichen und auf die Analyse seitens Internetnutzer und Medien zu hoffen. Damit sollte, so formulierte Wikileaks-Gr\u00fcnder Julian Assange es in seinem Aufsatz <em>State and Terrorist Conspiracies <\/em>(2006), die verschw\u00f6rerische Macht des Systems angegriffen werden, indem die Ver\u00f6ffentlichung per se den Austausch interner Informationen reduziert.\u00a0 Dabei unterstellt Assange jedem System, in dem entscheidungsrelevante, wichtige Informationen nicht \u00f6ffentlich, sondern nur in einem begrenzten Kreis von Kommunikationsteilnehmer ausgetauscht wird, eine Verschw\u00f6rung. Eine Verschw\u00f6rung gegen die \u00d6ffentlichkeit, gegen die B\u00fcrger, die immer Bescheid wissen m\u00fcssen.<\/p>\n<h2>Medien wollen Exklusivit\u00e4t<\/h2>\n<p>Gleichwohl f\u00fchrte diese Ver\u00f6ffentlichungsstrategie aus Beobachtung der Wikileaks-Betreiber dazu, dass etliche aus ihrer Sicht wichtige Themen von den Medien nicht geb\u00fchrend aufgegriffen wurden und deshalb keine politische Wirkung entfalten konnten. Einen Grund sahen sie darin, dass Medien eher bereit sind, viel Zeit und Personal in Analysen zu investieren, wenn sie exklusiv \u00fcber die Informationen verf\u00fcgen. Eine Kommentierung aller Dokumente durch Wikileaks w\u00e4re andererseits schlicht aufgrund mangelnder Auswertungskapazit\u00e4ten nicht m\u00f6glich gewesen, da der Kreis der Aktiven sehr klein war. Wikileaks hatte also nicht nur mit \u00f6konomischen Medienmechanismen, sondern auch mit eigenen Barrieren zu k\u00e4mpfen, vornehmlich organisatorischer wie finanzieller Art.<\/p>\n<p>Diese Situation f\u00fchrte dazu, dass Wikileaks die Kooperation mit ausgesuchten klassischen Medien suchte, die sich ihrerseits zu einer systematischen Auswertung und professionellen Darstellung verpflichteten. Insbesonders im Falle der Depeschen hoffte Julian Assange darauf, vom rechtlichen Schutz der Medienorgane profitieren zu k\u00f6nnen, indem er die Medien zeitgleich an die Front schickte. Diese ihrerseits sahen Wikileaks als willkommenen Puffer f\u00fcr die zu erwartenden Angriffe aus politischer Ecke. Letztlich richteten sich die meisten der verbalen und juristischen Attacken in den USA denn auch gegen Wikileaks und nicht gegen seine Medienpartner. Dies zeigt, dass es durchaus relevant ist, ob Leaking-Plattformen wie Wikileaks als journalistische Plattformen mit entsprechenden rechtlichen Schutzanspr\u00fcchen eingestuft werden oder nicht. Hinsichtlich der angewandten journalistischen Kompetenzen wie des Selbstverst\u00e4ndnisses von Wikileaks, das vornehmlich darin bestand, \u00d6ffentlichkeit herzustellen, w\u00e4re es \u2013 gerade im Hinblick auf die tolerante Bewertung von PR-Fachkr\u00e4ften \u2013 angezeigt, auch Leakingplattformen eindeutig dem Journalismus zuzuordnen.<\/p>\n<h2>Plagiate recherchieren<\/h2>\n<p>Auch die Akteure von Crowdsourcing-Plattformen wie dem GuttenPlag-Wiki, das die Dissertation des ehemaligen Bundesverteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg untersuchte, oder des VroniPlag-Wiki, das sich, so die Betreiber, \u201emit Hochschulschriften auf Basis belastbarer Plagiatsfundstellen auseinandersetzt\u201c, recherchieren umfangreiche Literatur, um Plagiate in Hochschulschriften nachzuweisen. Gerade bei solchen Crowdsourcing-Plattformen steht die Recherche an erster Stelle. An zweiter Stelle steht die Analyse und Auswertung, die bei diesen Plattformen in Form von leicht verst\u00e4ndlichen Grafiken vorgenommen wird, die anzeigen, in welchem Umfang Plagiate gefunden wurden. Diese suggestiven Grafiken wiederum legen eine Bewertung nahe, die jedoch letztlich seitens der\u00a0 klassischen Medien bzw. der verantwortlichen Hochschulen vorgenommen wird. Die Crowdsourcing-Plattformen stellen im Internet \u00d6ffentlichkeit her \u2013 setzen jedoch, wie der Fall Guttenberg illustrierte, auf die politische Hebelwirkung, die erst durch das Mitwirken der klassischen Medien erreicht werden kann.<\/p>\n<h2>Auswertung und Analyse<\/h2>\n<p>Sowohl Leaking- wie Crowdsourcing-Plattformen stellen also durchaus mit journalistischen Mitteln \u00d6ffentlichkeit her. Sie stehen dabei jedoch zu den klassischen Medien weniger in einem konkurrierenden, sondern eher in einem komplement\u00e4ren Verh\u00e4ltnis. Zur Eigenart geh\u00f6rt es, dass sie direkt auf\u00a0 zivilgesellschaftlichem Engagement basieren. Ein weiteres auffallendes Merkmal der neuen Plattformen besteht darin, dass sie mit sehr gro\u00dfen Informationsmengen umgehen. Diese wurden mehr oder weniger geschickt und erfolgreich aufgearbeitet. Die Analyse der Daten stellt besondere Anforderungen sowohl an die Betreiber der Plattformen, wie auch an die Journalisten. Die Betreiber m\u00fcssen die Daten so aufbereiten, dass sie m\u00f6glichst leicht recherchierbar sind.<\/p>\n<p>Was bedeutet dies f\u00fcr die klassischen Medien? Journalisten m\u00fcssen\u00a0 Methoden entwickeln, um die Daten zu verifizieren, in verst\u00e4ndliche Zusammenh\u00e4nge zu bringen und zu bewerten. Dabei k\u00f6nnen sie durchaus auf traditionelle, qualitative Recherchemethoden zur\u00fcckgreifen. Wenn es jedoch um die quantitative Auswertung geht, m\u00fcssen sie teilweise neue Methoden entwickeln. Dies wurde vor allem am Beispiel der Afghanistan-Protokolle von Wikileaks deutlich. Hier fanden die beteiligten Redaktionen sehr unterschiedliche Wege, um mit Hilfe der Daten beispielhafte Vorg\u00e4nge und Entwicklungen im Afghanistan-Krieg zu illustrieren. W\u00e4hrend etwa der Guardian auf einer interaktiven Karte die Angriffe zwischen 2004 und 2009 illustrierte und ein eigenes, herunterladbares Spreadsheet f\u00fcr Schl\u00fcsselereignisse anbot, konzentrierte sich der Spiegel auf eine klassische journalistische Berichterstattung. Dies wurde vielerorts kritisiert, da den Lesern keine eigene, visuelle Analysem\u00f6glichkeit an die Hand gegeben wurde.<\/p>\n<p>Am Beispiel der Afghanistan-Protokolle wird deutlich, dass der klassische Journalismus im Umgang mit dieser Art von Quellen neue Darstellungsmethoden entwickeln muss. Klar wird aber auch, dass eine Analyse seitens der Netzgemeinde bislang nur eingeschr\u00e4nkt stattfindet. Weil sie in der Regel einigen Aufwand verlangt, setzt sie nicht nur ein gewisses Kompetenzniveau, sondern auch ein spezifisches Interesse voraus. Die Analyse wie die Darstellung geh\u00f6ren damit zu den weiterhin unumstrittenen journalistischen Kernkompetenzen.<\/p>\n<h2>B\u00fcrger suchen neue Wege<\/h2>\n<p>Die Plattformen zeigen auch, wie wichtig es ist, sich dem zivilgesellschaftlichen Engagement von B\u00fcrgern \u00f6ffnen zu k\u00f6nnen. Dabei ist auch die F\u00e4higkeit, gesellschaftliche Diskurse anzusto\u00dfen und sie zu moderieren, weiterhin ein Metier der klassischen Medien. Sie m\u00fcssen sich verst\u00e4rkt den Inputs aus dem Netz \u00f6ffnen, um gesellschaftlich relevante Themen abbilden zu k\u00f6nnen. Etliche Online-Ableger klassischer Medien, aber auch Fernsehsender haben inzwischen Formate entwickelt, die auf einen direkten Dialog mit Netzb\u00fcrgern \u00fcber Twitter oder Facebook setzen. Nach wie vor erhalten investigative Journalisten vertrauliche Unterlagen. Der Erfolg der Leaking- und Crowdsourcing-Plattformen zeigt jedoch, dass B\u00fcrger zunehmend neue Wege beschreiten, um sich f\u00fcr eine politisch-gesellschaftliche \u00d6ffentlichkeit zu engagieren. Dass sie eher Mittler einschalten oder anonym agieren wollen, als sich direkt an die Medien zu wenden.<\/p>\n<p>Eine Reihe von Redaktionen wie die New York Times, hierzulande die WAZ und j\u00fcngst der Stern haben darin einen Bedarf von B\u00fcrgern nach vertraulicher und anonymer Kommunikation erkannt. Sie haben auf ihren Websites eigene Bereiche eingerichtet, \u00fcber die B\u00fcrger nun den Redaktionen einigerma\u00dfen anonym Informationen zukommen lassen k\u00f6nnen. Sie versprechen jedoch nicht wie die Leaking-Plattformen und Plagiatewikis eine unmittelbare, garantierte \u00d6ffentlichkeit, sondern lediglich garantierte Aufmerksamkeit: Alle eingereichten Daten werden gesichtet, doch die Entscheidung, bestimmte Informationen zu ver\u00f6ffentlichen, verbleibt eine redaktionelle. Unabh\u00e4ngig davon ist immer \u00f6fter zu beobachten, dass Medien die von ihnen verwendeten Quellen direkt auf ihrer Website ver\u00f6ffentlichen. Dies verleiht der eigenen Darstellung zus\u00e4tzlich Authentizit\u00e4t. Gleichzeitig kann dies jedoch Leser auch ermuntern, Redaktionen Informationen zukommen zu lassen.<\/p>\n<h2>Informantenschutz muss gest\u00e4rkt werden<\/h2>\n<p>Die Medienh\u00e4user m\u00fcssen sich auf diese Entwicklung konstruktiv einlassen. Dass sie das jetzt erst tun, zeigt auch, dass sie Jahre der digitalen Entwicklung nahezu ungenutzt haben verstreichen lassen. Was passiert, wenn sie dies nicht tun k\u00f6nnen oder d\u00fcrfen, zeigte sich w\u00e4hrend der Revolution in \u00c4gypten. Weil die Medien staatlich kontrolliert wurden, gingen B\u00fcrger dazu \u00fcber, Dokumente der Staatssicherheit \u00fcber Facebook oder Twitter-Fotodienste zu ver\u00f6ffentlichen \u2013 meist unkommentiert. Sie durchbrachen die allumfassende staatliche Zensur und nahmen damit ein sehr gro\u00dfes pers\u00f6nliches Risiko auf sich. Dies zeigt, dass eine zentrale Aufgabe der Medien darin besteht, Informanten Sicherheit zu gew\u00e4hren, indem sie selbst das Risiko \u00fcbernehmen. Sie gelangen sonst gar nicht an die Informationen, die sie ver\u00f6ffentlichen sollten.<\/p>\n<p>Wichtig ist ein aktives Engagement der Medien f\u00fcr mehr Informantenschutz jedoch nicht nur in den Staaten, in denen Andersdenkende politisch verfolgt werden, sondern auch in Staaten, in denen Haftungsanspr\u00fcche und zivilrechtliche Klagen die Aus\u00fcbung von Meinungsfreiheit knebeln. In Deutschland sind Whistleblower bis heute rechtlich nicht gesch\u00fctzt. Hinweisgeber werden immer noch als Denunzianten seitens Arbeitgeber ge\u00e4chtet \u2013 und nicht f\u00fcr ihre Zivilcourage beloht, sondern mit K\u00fcndigung und jahrelanger Arbeitslosigkeit bestraft. Missst\u00e4nde bleiben so vielfach unaufgedeckt. Der Europ\u00e4ische Gerichtshofs f\u00fcr Menschenrechte stellte dies erst k\u00fcrzlich fest, indem er anders als zahlreiche deutsche Gerichte zuvor in seinem Urteil das Recht auf Meinungsfreiheit von Arbeitnehmern st\u00e4rker ber\u00fccksichtigte. Er sah die Strafanzeige einer Arbeitnehmerin gegen ihren Arbeitgeber vom Recht auf Meinungsfreiheit als gedeckt an, da diese zu den wenigen geh\u00f6rte, die die Missst\u00e4nde erkennen konnte. Das Gericht nahm gleichwohl eine Abw\u00e4gung vor: So m\u00fcssten Arbeitnehmer aufgrund des Loyalit\u00e4tsverh\u00e4ltnisses zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer immer zuerst die zust\u00e4ndige Stelle des Arbeitgebers benachrichtigen. Der Gang an die \u00d6ffentlichkeit k\u00e4me nur als letzte M\u00f6glichkeit in Frage. Grunds\u00e4tzlich m\u00fcssten die Gerichte jedoch das \u00f6ffentliche Interesse weit auslegen.<\/p>\n<h2>Kooperation mit Kompetenz<\/h2>\n<p>Indem neue Plattformen im Netz B\u00fcrgern mehr Ausdrucksm\u00f6glichkeiten verleihen, werden sie zum politischen Akteur. Indem sie neue Meinungen einbringen und auf neue Art agieren k\u00f6nnen, ver\u00e4ndern sie das politische Feld \u2013 und damit auch die politische \u00d6ffentlichkeit. Sie erg\u00e4nzen, sie erweitern die \u00d6ffentlichkeit, worauf sich die klassischen Medien einstellen und ihre journalistischen Kernkompetenzen entsprechend ausbauen m\u00fcssen. Insbesondere die kompetente Analyse umfangreicher Daten, eine angemessene Darstellung komplexer Zusammenh\u00e4nge, die Moderation gesellschaftlicher und politischer Diskurse bleiben wichtige Aktionsfelder. Hierbei k\u00f6nnen neue und alte Medienakteure sich gegenseitig erg\u00e4nzen, wenn nicht gar miteinander kooperieren, um so den bestehenden wie den \u00a0sich wandelnden politisch-gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen gerecht zu werden. Denn letztlich gilt es \u00d6ffentlichkeit herzustellen f\u00fcr eine lebendige, demokratisch verfasste Gesellschaft, die nur so in der Lage ist kompetent Entscheidungen treffen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>Dieser Text steht unter der Lizenz CC BY-NC<\/em><em><\/em><\/p>\n<p>Erschienen im Band<a href=\"http:\/\/www.boell.de\/publikationen\/publikationen-publikation-journalismus-neue-medien-oeffentlichkeit-im-wandel.html\"> \u201c\u00d6ffentlichkeit im Wandel\u201d<\/a>\u00a0der Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung zusammen mit rund 20 Beitr\u00e4gen anderer Autoren<em>.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.boell.de\/publikationen\/publikationen-publikation-journalismus-neue-medien-oeffentlichkeit-im-wandel.htmlg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" title=\"\u00d6ffentlichkeit im Wandel\" src=\"http:\/\/christophkappes.de\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Cover-350x499.jpg\" alt=\"\" width=\"350\" height=\"499\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Plattformen wie Wikileaks oder das Guttenplag-Wiki werden nicht von Journalisten, sondern von Aktivisten und aus der Zivilgesellschaft heraus betrieben. 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