{"id":569,"date":"2011-09-02T19:37:06","date_gmt":"2011-09-02T19:37:06","guid":{"rendered":"http:\/\/schulzki-haddouti.de\/?p=569"},"modified":"2011-09-02T19:51:05","modified_gmt":"2011-09-02T19:51:05","slug":"pretty-good-privacy-was-der-wikileaks-skandal-uber-den-mainstream-journalismus-offenbart","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schulzki-haddouti.de\/?p=569","title":{"rendered":"Pretty Good Privacy: Was der WikiLeaks-Skandal \u00fcber den Mainstream-Journalismus offenbart"},"content":{"rendered":"<p><em>Mal wieder ist WikiLeaks in aller Munde. Mal wieder ist Julian Assange auf den Titelbl\u00e4ttern. Die Massenmedien vermelden das Ende eines revolution\u00e4ren Projekts, besingen den Untergang eines Anti-Helden. Dabei zeigt die j\u00fcngste Episode um die Leaking-Plattform vor allem eins: Die Inkompetenz des Mainstream-Journalismus im Umgang mit technisch, medienethisch und sozial komplexen Vorg\u00e4ngen. Die Medienwissenschaftlerin und\u00a0Berliner Gazette-Autorin Christiane Schulzki-Haddouti unternimmt eine kritische Bestandsaufnahme.<\/em><\/p>\n<p>Bei dem j\u00fcngsten \u201cDepeschen-Desaster\u201d (<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/netzwelt\/netzpolitik\/0,1518,783694,00.html\">Spiegel Online<\/a>) ist f\u00fcr mich vor allem\u00a0<a href=\"http:\/\/www.journalism.co.uk\/news\/wikileaks-accuses-guardian-over-unredacted-cables-leak\/s2\/a545844\/\">die Behauptung des Guardian skandal\u00f6s<\/a>, man sei davon ausgegangen, dass das von\u00a0<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Julian_Assange\">Julian Assange<\/a> mitgeteilte Passwort f\u00fcr den Depeschensatz tempor\u00e4r sei. Der Satz stammt immerhin von Journalisten, die seit Jahren investigativ arbeiten. Interessant ist auch, dass dieser Satz in so gut wie allen Meldungen nicht kritisch kommentiert wird \u2013 \u00fcbrigens auch kaum\u00a0<a href=\"http:\/\/netzpolitik.org\/2011\/wikileaks-datengau-durch-verpeilung\/\">in den einschl\u00e4gigen Blogs<\/a>. Es gibt n\u00e4mlich keine tempor\u00e4ren Passw\u00f6rter bei dem Verschl\u00fcsselungsprogramm\u00a0<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pretty_Good_Privacy\">PGP<\/a>.<\/p>\n<p>Selbst wenn Assange so etwas behauptet h\u00e4tte, h\u00e4tte Leigh pr\u00fcfen m\u00fcssen, ob dies tats\u00e4chlich so ist. Eine einfach Nachfrage bei einem erfahrenen PGP-Nutzer h\u00e4tte gen\u00fcgt. PGP, die Abk\u00fcrzung f\u00fcr Pretty Good Privacy, wurde von der US-amerikanischen Exportkontrolle immer mit einer Waffe verglichen. Jemand, der PGP nutzt und keine Ahnung hat, wie es funktioniert, braucht offenbar eine Art Waffenschein. Sonst gef\u00e4hrdet er Leben. Das ist jetzt leider der Fall. Dass dies Journalisten noch heute passiert, ist nicht nur peinlich, sondern erschreckend.<\/p>\n<p>Ich glaube, dass das nicht nur \u00fcber das technologische Verst\u00e4ndnis der meisten Journalisten etwas sagt, sondern auch \u00fcber das technologische Selbstverst\u00e4ndnis der Branche: Man nutzt die digitalen Werkzeuge, reflektiert sie aber nicht.<\/p>\n<p><strong>Investigativer Journalismus \u2013 in den Kinderschuhen?<\/strong><\/p>\n<p>Es ist sicherlich die Pflicht von Journalisten, sich hier entsprechend kundig zu machen, wenn sie investigativ arbeiten m\u00f6chten. Aber man sollte auch wissen, dass das alles seine Grenzen hat und man sollte das im Umgang mit den Informanten auch ber\u00fccksichtigen. Man darf keine technischen Sicherheiten garantieren, die es absolut nicht gibt, zumal die gr\u00f6\u00dfte Unsicherheit im Sozialen besteht.<\/p>\n<p>Es gibt vermutlich nur ganz wenige Informanten, die sich wirklich \u00fcber Jahre hinweg vor Aufdeckung sch\u00fctzen konnten. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind einfach: In der Regel gibt meist einen eingeschr\u00e4nkten Personenkreis, dem die Informationen bekannt sind. Au\u00dferdem gehen einem Schritt an die \u00d6ffentlichkeit in der Regel interne Diskussionen voraus, so dass innerhalb einer Organisation Kritiker ebenfalls bekannt sind. Und die Informanten bekennen sich meist nach der Ver\u00f6ffentlichung dazu, weil ein gro\u00dfer Druck von ihnen genommen wurde und sie sich frei und offen dazu \u00e4u\u00dfern wollen.<\/p>\n<p>Eine technische Unterrichtung ber\u00fccksichtigt diese sozialen, psychologischen, aber auch rechtlichen Dimensionen nicht wirklich. Im Umgang mit Informanten muss man daher auch mit diesen f\u00fcnf Punkte kl\u00e4ren: 1) wie weit sie pers\u00f6nlich gehen wollen, 2) wie viel sie riskieren m\u00f6chten, 3) ob eine Geheimhaltung der Quelle \u00fcberhaupt Sinn ergibt \u2013 oder nicht erst recht eine interne Denunziantenjagd er\u00f6ffnet. Auch sollte man kl\u00e4ren, 4) ob der Informant famili\u00e4r oder durch Freunde gest\u00fctzt wird. Nicht zuletzt aber sollten auch die Journalisten selbst sich fragen, 5) ob sie pers\u00f6nlich der richtige Ansprechpartner f\u00fcr den Informanten sind.<\/p>\n<p><strong>Technische Sicherheit vs. Whistleblowerschutz<\/strong><\/p>\n<p>Vielleicht gibt es einen Kollegen, der kompetenter in dem jeweiligen Fachgebiet ist oder ein Medium, das sich eher an die Zielgruppe des Informanten richtet wie das eigene. In diesen F\u00e4llen sollte man den Fall abgeben k\u00f6nnen \u2013 oder die Kooperation mit anderen suchen.<\/p>\n<p>Insofern griff das Modell WikiLeaks mit seiner Reduktion auf technische Sicherheit, die offenbar nicht garantierbar ist und auf den mutma\u00dflichen Schutz durch \u00d6ffentlichkeit von Anfang an zu kurz. Ich habe den Eindruck, dass dies aber rasch von den Beteiligten begriffen wurde. Schlie\u00dflich setzt die isl\u00e4ndische\u00a0<a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Icelandic_Modern_Media_Initiative\">IMMI-Initiative<\/a> im rechtlichen Bereich an, um letztlich das gesellschaftliche Umfeld f\u00fcr Whistleblower und Journalisten freundlicher zu gestalten. Es ist zu hoffen, dass es den Isl\u00e4ndern gelingt, auch im europ\u00e4ischen Raum Impulse zu setzen.<\/p>\n<p>Gerade in Deutschland fehlt ein\u00a0<a href=\"http:\/\/berlinergazette.de\/webradio-kampagne-blow-the-whistle\/\">gesetzlicher Whistleblowerschutz<\/a>. Loyalit\u00e4tspflichten werden von den Gerichten generell h\u00f6her bewertet als die Meinungsfreiheit. Das ist ein letztlich vor-aufkl\u00e4rerisches und entw\u00fcrdigendes Verst\u00e4ndnis der Rolle von finanziell Abh\u00e4ngigen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/berlinergazette.de\/pretty-good-privacy-wikileaks\"><em>Danke an die Berliner Gazette f\u00fcr ihre wie immer gut durchdachten Leitfragen &#8211; das ist ein Crosspost des dort erschienen Beitrags.<\/em><\/a><\/p>\n<p>Update: Das PGP-Verst\u00e4ndnis von Herrn Leigh in 140 Zeichen:<\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/twitter.com\/#!\/davidleigh3\/status\/109361421095141377\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-571\" title=\"DavidLeigh-Passwort-Datei-oder-Schl\u00fcssel\" src=\"http:\/\/schulzki-haddouti.de\/wp-content\/uploads\/2011\/09\/DavidLeigh-Passwort-Datei-oder-Schl\u00fcssel.png\" alt=\"\" width=\"568\" height=\"351\" srcset=\"https:\/\/schulzki-haddouti.de\/wp-content\/uploads\/2011\/09\/DavidLeigh-Passwort-Datei-oder-Schl\u00fcssel.png 568w, https:\/\/schulzki-haddouti.de\/wp-content\/uploads\/2011\/09\/DavidLeigh-Passwort-Datei-oder-Schl\u00fcssel-300x185.png 300w\" sizes=\"(max-width: 568px) 100vw, 568px\" \/><\/a><br \/>\n<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mal wieder ist WikiLeaks in aller Munde. 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