{"id":47,"date":"2011-02-25T22:20:58","date_gmt":"2011-02-25T22:20:58","guid":{"rendered":"http:\/\/schulzki-haddouti.de\/?p=47"},"modified":"2011-02-28T17:56:23","modified_gmt":"2011-02-28T17:56:23","slug":"datenberge-und-nachhaltigkeit-wie-sollten-wir-die-251-287-depeschen-auswerten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schulzki-haddouti.de\/?p=47","title":{"rendered":"Datenberge und Nachhaltigkeit: Wie sollten wir die 251.287 Depeschen auswerten?"},"content":{"rendered":"<p>Nach der\u00a0<a href=\"http:\/\/berlinergazette.de\/tag\/wikileaks\/\">ereignishaften \u201cEnth\u00fcllung\u201d<\/a> Ende Dezember durch die Massenmedien SPIEGEL, Guardian, New York Times, Le Monde und El Pa\u00eds ist die Auswertung der Depeschen ins Stocken geraten. Ich vermute, der Grund liegt in der Strategie, die bei der Erschlie\u00dfung des Datenbestands nahe liegt. Ein gro\u00dfer Vorteil der digital vorliegenden Depeschen besteht in ihrer digitalen Durchsuchbarkeit. Die Redaktionen haben eine so nahe liegende wie effiziente Strategie angewandt: Sie haben zun\u00e4chst nach den Personen, Institutionen und Themen gesucht, mit denen sie sich\u00a0<a href=\"http:\/\/medienradio.org\/mr\/mr036-der-spiegel-und-wikileaks\/\">bereits besch\u00e4ftigt haben<\/a>. Spiegel und Guardian haben auf diese Weise bis Ende Dezember rund 150 Geschichten ver\u00f6ffentlicht. Das ist eine ganze Menge. Gemessen an dem zur Verf\u00fcgung stehenden Material jedoch ist das aber nur ein kleiner Bruchteil.<\/p>\n<p>Ich vermute, dass die rund 3900 Dokumente, die bis heute (22.2.2011) auf\u00a0<a href=\"http:\/\/213.251.145.96\/cablegate.html\">WikiLeaks ver\u00f6ffentlicht<\/a> wurden, von den Redaktionen verarbeitet wurden. Dies vorausgesetzt, l\u00e4sst sich im Hinblick auf die noch bevorstehende Auswertungsphase eine einfache Rechnung anstellen. Bislang wurden in einem Zeitraum von 2,5 Monaten 1,5 Prozent der Depeschen ausgewertet. Dieses Ver\u00f6ffentlichungstempo vorausgesetzt, w\u00fcrde es also noch sieben Jahre dauern, bis alle Depeschen redaktionell bearbeitet und ver\u00f6ffentlicht sind. In dieser Zeit gibt es jedoch viele Faktoren, die zu einer Beschleunigung oder Verlangsamung der Ver\u00f6ffentlichungsrate beitragen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>So hat etwa der SPIEGEL ein gro\u00dfes Expertenteam aufgestellt, das sich ausschlie\u00dflich mit WikiLeaks besch\u00e4ftigt. Es ist aus rein wirtschaftlichen Gr\u00fcnden unwahrscheinlich, dass dieses Team auch noch in sieben Jahren die Depeschen bearbeitet. Ein weiterer Risikofaktor ist der Prozess von\u00a0<a href=\"http:\/\/berlinergazette.de\/wired-adrian-lamo-bradley-manning-wikileaks\/\">Julian Assange<\/a> und der weitere<a href=\"http:\/\/berlinergazette.de\/christoph-bieber-wikileaks-nachhaltigkeit\/\">Fortbestand der Organisation WikiLeaks<\/a>. Obwohl er ja in ein privat motiviertes Verfahren verwickelt ist, hat er dies inzwischen so eng mit der WikiLeaks-Strategie verkn\u00fcpft, dass hiervon ein erheblicher Einfluss auf WikiLeaks selbst zu erwarten ist.<\/p>\n<p><strong>Komplexe Themen vs. Nachrichtenwert<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe keine systematische Auswertung vorgenommen, von daher kann ich im Hinblick auf m\u00f6glicherweise vernachl\u00e4ssigte Themen nur meinen Eindruck wiedergeben, den ich angesichts der<a href=\"http:\/\/www.guardian.co.uk\/world\/2010\/nov\/29\/wikileaks-embassy-cables-key-points\">Zusammenstellung des Guardian<\/a> bekommen habe. Aufgegriffen wurden die Themen, die einen klassischen Nachrichtenwert haben. Auff\u00e4llig war dies bei der Auswahl der Titelgeschichte des Spiegel, die die Bewertung bekannter Politiker durch die US-Diplomaten skandalisierte. Die Personalisierung ist eine erfolgreiche Strategie, um das Interesse der Rezipienten zu steigern. Ein weiterer Nachrichtenfaktor war nat\u00fcrlich die \u00dcberraschung.<\/p>\n<p>Die Enth\u00fcllung der Depeschen selbst war eine Nachricht wert. Unerwartete Ereignisse l\u00f6sen meist ein besonderes Interesse aus und k\u00f6nnten publikumswirksam inszeniert werden. Die Geschichte \u00fcber den Auftrag des US-Au\u00dfenministeriums, UNO-Mitarbeiter auszukundschaften thematisierte eine gesellschaftliche Normverletzung, die auf eine rechtswidrige Handlung zur\u00fcckging. Das hei\u00dft, die Entscheidung basierte auf einer Suchstrategie, die sich an den Nachrichtenfaktoren orientierte.<\/p>\n<p>Eine komplexe Geschichte hingegen wie die Liste der kritischen Infrastrukturen wurde erst sehr viel sp\u00e4ter publiziert. Aufgegriffen wurde sie von der Tagespresse, die aber nicht die Bedeutung der der Liste hinsichtlich ihrer politisch-strategischen Bedeutung analysierte. Dies h\u00e4tte in die komplexe Diskussion um die Strategiefindung f\u00fcr den\u00a0<a href=\"http:\/\/www.heise.de\/ct\/inhalt\/2011\/04\/68\/\">Schutz kritischer Infrastrukturen<\/a> gef\u00fchrt, die aktuell auf EU- und Bundesebene gef\u00fchrt wird, die aber nur fachlich interessierten Lesern vermittelbar ist.<\/p>\n<p>Ich vermute daher, dass komplexe Themen bei der Auswertung insgesamt vernachl\u00e4ssigt wurden. Sie verlangen deutlich mehr Nachrecherche und Einordnung, sind also aufw\u00e4ndiger in der Aufarbeitung. Ich vermute auch, dass Themen, die nur f\u00fcr Fach\u00f6ffentlichkeiten interessant sind, ausgeklammert wurden. Aufgefallen ist mir das am Beispiel des Themas \u201cCyber Security\u201c. Es spielt immer wieder eine Rolle, l\u00e4sst sich jedoch nur \u00fcber eine Vielzahl von Depeschen erschlie\u00dfen.<\/p>\n<p><strong>Den Exklusivit\u00e4tskreis durchbrechen<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr Journalisten, die jedoch keinen Zugriff auf das gesamte Material haben, ist das zum gegenw\u00e4rtigen Zeitpunkt nicht m\u00f6glich. Verschiedene Strategien stehen JournalistInnen in dieser Situation zur Verf\u00fcgung: Beispielsweise k\u00f6nnte man anfangen, die vom Guardian ver\u00f6ffentlichten Metadaten auszuwerten. Das k\u00f6nnte Hinweise auf interessante Policy-\u00c4nderungen geben. F\u00fcr den Zeitraum rund um den 11. September 2001 wurde dies ja bereits vorgenommen. Sie zeigt, dass sich eine solche Analyse lohnen w\u00fcrde. Allerdings m\u00fcsste man dann anschlie\u00dfend auch in das Material eintauchen k\u00f6nnen. Und das ist bei der gegenw\u00e4rtigen Datenlage nur dem exklusiven Kreis von gegenw\u00e4rtig sieben Redaktionen m\u00f6glich. Das sind der Spiegel, der Guardian, die New York Times, Le Monde und El Pa\u00eds sowie die Aftenposten und Die Welt.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund k\u00f6nnten FachjournalistInnen und WissenschaftlerInnen versuchen, eine Kooperation mit den Redaktionen einzugehen, die den\u00a0<a href=\"http:\/\/mmm.verdi.de\/archiv\/2011\/01-02\/titelthema-dokumentenpoker\/alp-traum-wikileaks\">Exklusivit\u00e4tskreis<\/a> der \u201cFantastischen F\u00fcnf\u201c durchbrochen haben, also mit der\u00a0<a href=\"http:\/\/www.aftenposten.no\/\">Aftenposten<\/a>und der Welt. Dabei sollte von vornherein eine klare Fokussierung auf bestimmte Themen und Fragestellungen erfolgen. Allein das Meta-Thema Policy-Making w\u00e4re f\u00fcr Politikwissenschaftler und Historiker hoch relevant. Da in letzter Zeit auch weitere Leaks wie etwa die\u00a0<a href=\"http:\/\/www.netzpolitik.org\/2011\/al-jazeera-veroffentlicht-palastina-papiere\/\">Pal\u00e4stina-Papiere<\/a> bei Al-Dschasira und dem Guardian entstanden, k\u00f6nnte man hier verschiedene Positionen und Strategien vergleichen und nach ausgesuchten Fragestellungen analysieren.<\/p>\n<p>Die \u201cPal\u00e4stina-Papiere\u201c allein bieten Stoff f\u00fcr mehrere Dissertationen. Aus medienwissenschaftlicher Sicht k\u00f6nnte man untersuchen, inwieweit sich die Sicht der Diplomaten von der Sicht der Journalisten unterscheidet und in welchem Ausma\u00df sie Themen aufgreifen und vertiefen, die nicht auch von der Presse abgedeckt werden. Damit lie\u00dfe sich feststellen, inwieweit sich Informationsfl\u00fcsse im staatlichen Sektor vom \u00f6ffentlichen Sektor unterscheiden. Fr\u00fchere Studien haben etwa zum Thema \u201cOpen Intelligence\u201c festgestellt, dass 95 Prozent der Informationen, die Nachrichtendienste verarbeiten, aus \u00f6ffentlichen Quellen stammen. Bei etwas l\u00e4ngerem Nachdenken k\u00f6nnte man sicherlich noch auf viele weitere Themen kommen.<\/p>\n<p><em>Erschienen in der <a href=\"http:\/\/berlinergazette.de\/schulzki-haddouti-wikileaks-nachhaltigkeit-cablegate\/\">Berliner Gazette am 22.2.2011<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach der ereignishaften \u201cEnth\u00fcllung\u201d Ende Dezember durch die Massenmedien SPIEGEL, Guardian, New York Times, Le Monde und El Pa\u00eds ist die Auswertung der Depeschen ins Stocken geraten. 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