{"id":169,"date":"1991-08-24T11:56:10","date_gmt":"1991-08-24T11:56:10","guid":{"rendered":"http:\/\/schulzki-haddouti.de\/?p=169"},"modified":"2011-02-27T11:58:45","modified_gmt":"2011-02-27T11:58:45","slug":"mythen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schulzki-haddouti.de\/?p=169","title":{"rendered":"Mythen"},"content":{"rendered":"<p><em>Der vierundzwanzigste Tag, 24. August 1991<\/em><\/p>\n<p>Wir beugen uns \u00fcber die Hausreling, um den braunrostigen Pick-up mit den Chromleisten zu begutachten, doch den wirklich faszinierenden, der, mit den sanft nach oben hin zum Dach schwingenden Verladeseiten, sehen wir nicht. Die Wagen haben etwas schweres, beh\u00e4biges. Etwas stolzes, breites, selbstbewu\u00dftes. F\u00fcr sie werden standardm\u00e4\u00dfig vierspurige Stra\u00dfen gebaut. Eine Steigerung ist die durchgehende Abbiegespur nach links und rechts, auf der sich beide Richtungen gleichberechtigt in der Mitte treffen. Diese Abbiegespuren sind der stolzeste Ausdruck demokratischen Fahrens, der wagemutigste und k\u00fchnste. Diese gleich schnell, gleich langsam anfahrenden Wagen hypnotisieren die Zeit, scheinen sie in ihrem Muster der Gleichf\u00f6rmigkeit anzuhalten. Gleichm\u00e4\u00dfiger Beschleunigungsabstand, gleiche Justierung. Manche sind flotter, doch reihen sie sich bald regelm\u00e4\u00dfig auf. Dann wieder schnurren sie vor der Ampel zusammen.<\/p>\n<p>M\u00fc\u00dfig in einem Reisemagazin gebl\u00e4ttert: Paul Theroux hatte eines der letzten Abenteuer der Neuen Welt zu einem charmanten, understatementm\u00e4\u00dfigen Bericht verpackt: die Kanufahrt \u00fcber Martha&#8217;s Vinyard nach Nantucket: den gef\u00e4hrlichen Atlantikstr\u00f6mungen hatte er getrotzt. Gute zwei Tage auf der weiten Ebene der uneinsehbaren Fluten. Und jetzt direkt und unmittelbar sein Erlebnisbericht. V\u00f6llig authentisch und glaubhaft. Er hatte es geschafft. Es war m\u00f6glich. Jeder konnte es, wenn er sich nur ausreichend vorbereitete: ein gutes und leichtes Kajak, das neueste an w\u00e4rme- und n\u00e4sse-isolierender Kleidung, gen\u00fcgend Proviant, detaillierte Seekarten und ein bi\u00dfchen K\u00f6rpertraining.<\/p>\n<p>Hier ist keine K\u00fchle Neuenglands, doch sind die T\u00fcren ebenfalls fliegengesichert. Auf dem etwas aufgesprungen gew\u00f6lbten Tisch die letzten Regenspuren. Schwere, gewichtige Tropfen. Die Scheibenwischer heftiger, entschieden schneller. Schneller R\u00fcckzug in die dunkle K\u00fcche hinter die Fliegengittert\u00fcr, langsame Tropfen.<\/p>\n<p>Die Feuchte staubt heran. M\u00e4chtige und vereinzelte Tropfen k\u00fcndigen Sturzb\u00e4che am Stra\u00dfenrand an. Sie werden breiter, die Reifen dr\u00fccken das Wasser nach oben, doch der Regen ist lauter, st\u00e4rker. Ein Prasseln, Detonieren schwerer Wasserb\u00e4lle. Wei\u00dfes Aufsch\u00e4umen. Geraspelte Oberfl\u00e4chen mit wei\u00dfen Schaumspitzen.Scharfe Kanten. Die Ampeln schalten unabl\u00e4ssig im gewohnten Takt. F\u00fcr sich und die Stra\u00dfenkreuzer, die sich wie Wasserbrecher den Weg schneiden. Das Wasser schlie\u00dft sich wieder. W\u00e4nde fallen in gezackte Fluten zur\u00fcck. Rot schlie\u00dfendes Wasser gr\u00fcn wallende Fluten.<\/p>\n<p>Speed-Control &#8211; on.<\/p>\n<p>Susanne kauft grellfarbene, hartlackierte, gepre\u00dfte Zukerwaren. Kleine kompakte Bananen, runde knackige Pfirsiche. Buy two, get one free.<\/p>\n<p>Sie liegen vorne auf dem Ablagebrett. In der Kurve werden sie wieder hinuntergeschleudert. Hinunter zur Road-Map 1991 mit den ung\u00fcltigen Vouchers, zu verklebten Stadtpl\u00e4nen, aufgewellten Reisef\u00fchrern und zu den halbaufgerissenen und aufgeweichten Pfefferminzbonbons in der Werbepackung. Susanne sieht mich genervt von der Seite an, und ich tue so, als w\u00fcrde ich nichts merken, und beschleunige weiter, mit dem Finger auf der Taste.<\/p>\n<p>Der Scheibenwischer kommt kaum nach. Ohne sieht man fast mehr. Die Tropfen schlie\u00dfen sich zu einer durchsichtig verwobenen Schicht.<\/p>\n<p>James hatte uns gewarnt. Wasser kann lebensgef\u00e4hrlich sein. Wir m\u00fc\u00dften unbedingt sehr langsam fahren. Unter Umst\u00e4nden sollten wir anhalten. Und eines noch, Hurricanes sind nicht interessant, spannend oder unangenehm. Er will nie einen erleben. Die Spuren des \u00daberlebenden gen\u00fcgten.<\/p>\n<p>Der Regen ist der einzige Grund die Speed-Control zu ver\u00e4ndern. Immer wieder nach unten korrigiert. Die Sichtweite von h\u00f6chstens zehn Metern bringt die 55-Meilen-Grenze in den Bereich der Lebensgefahr.<\/p>\n<p>Glitzernder Chrom und schwere breite Regenrinnen im Wasserschatten. Die Trucks sind jetzt die schnellsten. Das Wasser knallt gegen den Unterboden. So pl\u00f6tzlich wie es herunterregnet, so ist auf einmal freie Sicht. Parklandschaften mit nur allm\u00e4hlich wechse lnden Horizonten. Allein die Wolken, das Licht \u00e4ndern sich st\u00e4ndig. Die einzige Abwechslung auf der Stra\u00dfe sind Autokolonnen, die man mit ein paar Meilen \u00fcber Speed-Limit \u00fcberholen kann. So wird man zum Kolonnenf\u00fchrer, wenn nicht andere kommen, die man auf etliche Exits hin verfolgen kann. Wer hat CB-Funk? &#8211; Ich habe es nie herausgefunden. Vielleicht der Wagen, der bereits vor einer Waldlichtung &#8211; uneinsehbar &#8211; abbremst.Hinter ihr stehen tats\u00e4chlich zwei Polizeiwagen. Im Einklang mit dem Vorderwagen haben a lle von 80 auf 65 herabbeschleunigt.<\/p>\n<p>Stereo, von vorne und hinten, herzzerrei\u00dfendes Gest\u00f6hne und vielleicht durchlitten. Das kollektive Leiden im individuellen Disaster. Eines Tages wirst du den Richtigen finden, mit ihm ins ewige Gl\u00fcck eingehen. Doch die Suche wird bewertet. Deine Position im Rennen ist dein annual salary. Stolz der Anrufer am Radiotelefon:<\/p>\n<p>I am a 60.000 Dollar man.<\/p>\n<p>That&#8217;s quite all right.<\/p>\n<p>I achieved what I wanted.<\/p>\n<p>Susanne schaltet ab und zu abrupt ab. Das Gequake geht ihr auf den Geist. Es sind die immergleichen formelhaften Beschw\u00f6rungen des Geliebten, der einsamen Nacht, der Hoffnung auf das machbare und verlorene Gl\u00fcck zu zweit. Das Finden und Verlieren.<\/p>\n<p>O Jamie.<\/p>\n<p>Zwischen Tallahassee und Pensacola fahren wir raus, um eine Tankstelle zu suchen, vielleicht einen Coffee shop zu finden. Wir finden beides. Ein Feldweg f\u00fchrt zu Farmen der Red Necks. Die rote Erde verreibt sich lehmig zwischen den Fingern und f\u00e4rbt Stra\u00dfen und Wege ein. Spanish Moss f\u00e4llt von \u00c4sten und Zweigen graugr\u00fcn, fein und fiedrig herab. Unbekanntes Land jenseits der Route. Menschen gr\u00fc\u00dfen uns auf dem Weg. In der Nacht fahren wir erneut von der sicheren Vierspurbahn ab. Kaum ein Auto kommt uns entgegen, eine arme Gegend mit alten, angerosteten Autos, alte Modelle. Wir werden wahrgenommen. Wir halten uns nicht lange auf: volltanken und weiter.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der vierundzwanzigste Tag, 24. August 1991 Wir beugen uns \u00fcber die Hausreling, um den braunrostigen Pick-up mit den Chromleisten zu begutachten, doch den wirklich faszinierenden, der, mit den sanft nach oben hin zum Dach schwingenden Verladeseiten, sehen wir nicht. Die Wagen haben etwas schweres, beh\u00e4biges. Etwas stolzes, breites, selbstbewu\u00dftes. 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