{"id":153,"date":"1991-08-10T11:45:40","date_gmt":"1991-08-10T11:45:40","guid":{"rendered":"http:\/\/schulzki-haddouti.de\/?p=153"},"modified":"2011-02-27T11:59:42","modified_gmt":"2011-02-27T11:59:42","slug":"nachgeschmack","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schulzki-haddouti.de\/?p=153","title":{"rendered":"Nachgeschmack"},"content":{"rendered":"<p><em>Der zehnte Tag, 10. August 1991<\/em><\/p>\n<p>Muscheln in meiner Hand&#8230; Bla\u00df rosafarbene Geh\u00e4usesplitter von herangesp\u00fclten Krabben und Krebsen liegen zwischen schwarzem, halbtrokenem Seegras. Gro\u00dfe, feste Nordatlantikmuscheln in gro\u00dfz\u00fcgigen Mustern vor gro\u00dfen schwarzen Miesmuschelb\u00e4nken. Sie glitzern freigelegt von der zur\u00fcckweichenden Flut. Wie kleine Kieselsteine ragen die kleinen Muschelr\u00fccken aus dem Sand. Wie weit entfernte Walr\u00fccken tauchen sie aus dem windstillen Gew\u00e4sser auf. Manches Schiff versank vor Cape Cod, sei es durch Sturm, sei es durch Seer\u00e4uberei. Henry David Thoureau wanderte tagelang an den K\u00fcsten des Capes entlang, untersuchte Pflanzen und angeschwemmte Bruchteile. Ausgelaugte Bohlen, angeschwemmte Gl\u00fchbirnen, ausgefaserte Seile und lose Taue. Plastikkanister und gr\u00fcne Flaschen. Edward Weston fand seine Frau von den Wellen besp\u00fclt als wundersames Strandgut, von den Wettern ihm geschenkt. Auf Silberbrom fing er sie k\u00f6rnchengenau auf einer gro\u00dfen Platte ein. Ein wundersamer Fund unter gebleichten Wrackteilen und goldbraun scheinen den Chininst\u00fcckchen.<\/p>\n<p>Weil es so heftig regnet, wird auf eine Parkgeb\u00fchr von acht Dollars verzichtet. Wir k\u00f6nnen uns einen Besuch auf der Orleans Beach leisten. Ein h\u00f6lzerner Steg f\u00fchrt \u00fcber sanfte Sandd\u00fcnen zur See. Einige kommen uns entgegen, die Regenkappen tief \u00fcber das Gesicht gezogen. Ein kleiner Junge mit seinem Flugdrachen. Eine Familie mit bunten sneakers. Auf dem Str and packen zwei zehnj\u00e4hrige Jungen ihre Surfbretter wieder ein. F\u00fcr ein Foto holen sie ihre Bretter vom D\u00fcnenrand und stellen sich f\u00fcr mich noch einmal gemeinsam, die Bretter stolz und aufrecht in den Sand gedr\u00fcckt, direkt vor den Wellen auf. &#8211; Gern gesche hen. You&#8217;re welcome. &#8211; Ein Coast-Guard steht mit seinem Jeep vor den D\u00fcnen und beobachtet das Meer. Ich laufe in den Bereich ohne Wachturmstelzen. Die Fu\u00dfspuren kehren um, verschwinden im lockeren Sand. Kaum einer begegnet mir. Alles vernebelt, diesig. Salzige Gischt auf der Haut laufe ich barfu\u00df durch den kalten, sanft nachgebenden Sand. Fotos unm\u00f6glich. Der Wind dr\u00fcckt die Jacke an den K\u00f6rper und rei\u00dft die \u00c4rmel mit sich. Rhythmisch heranrollende Wellen, die sich in den letzten Metern heftig und kompakt \u00fcberschlagen, wei\u00df aufsch\u00e4umend den matten Sand auf\u00e4tzen, wei\u00dfe kleine Blasen hinterlassen. Die Wellen graben sich w\u00fctend in den Strand. Sie h\u00f6hlen und brechen die Sandmassen aus dem Boden heraus. Eine Weile und dann st\u00fcrzt eine hohe Welle heran. Verwischt vorwitzige Fu\u00dfspuren, um wie prasselnder Regen zerschmetterte Muschelteilchen zu sich zu nehmen. Zerissene schwarze Meeresschlangen winden sich in B\u00fcndeln auf dem Boden und tauchen in der n\u00e4chsten Welle kurz unter. Kleine, nasse dunkle Bl\u00e4tter verteilen sich. Am D\u00fcnenrand werden sie grauer und blasser. Leichter und verletzlicher vereinigen sie sich zu einem nassen schweren Polster. Von einer angefressenen D\u00fcne fallen zerbrechliche, von Wasser und Salz grau ausgelaugte Holzgatter herab. Vom Sand fast verschl ungen, richten sie sich wankend wieder auf, um erneut in einer unsicheren Drehung nach unten zu verschwinden. Ein Schlu\u00dfakkord taucht auf, f\u00e4cherartig in sich gekehrt spreizt er sein grausilbernes Gefieder. Zwei Holzplanken fallen ersch\u00f6pft zu Boden, bedecken einander kaum am moosbesetzten Rand. Die \u00e4u\u00dfersten Spitzen ber\u00fchren knapp das gebogene Gras.<\/p>\n<p>Den Sonnenuntergang wollen wir an der Forellenbeach einholen. Die Stra\u00dfe f\u00fchrt uns auf gewundenen Wegen zur\u00fcck zur Hauptstra\u00dfe und diese bis kurz vor Provincetown. Eine Savanne erstreckt sich \u00f6stlich der Stadt und schimmert rosagolden im Abendlicht. Wir \u00fcbertreten die H\u00f6chstgeschwindigkeit und erreichen die Sonne knapp \u00fcber dem Wasser. Doch ist die Sonne \u00fcber der anderen Inselspitze zu sehen, an der anderen Beach. Die Sturmwolken ziehen hinter den Feuerball und die Grillen erobern den dunkel werdenden Himmel, das Meer verschwindet hinter einem diesig dunklen Horizontstreifen. Ameisen transportieren die Verletzten des Tages ab. Zirpen untermalt den roten Lichtbogen.<\/p>\n<p>Das Meer ist weit drau\u00dfen. Ich laufe fast eine halbe Stunde hinaus, um etwas herumzuplanschen. Der Sand ist gro\u00df und k\u00f6rnig. Er rieselt durch die Zehen und setzt sich schwer auf den Fu\u00df. Mit jeder Welle ziehen die F\u00fc\u00dfe in den festen Untergrund. Schwere und unbezwingbare Burgen mit groben, runden und gro\u00dfen Zinnen, umgeben von grandiosen Wassergr\u00e4ben. Geheime Tunnel st\u00fcrzen wieder ein und m\u00f6gliche Rettungswege bleiben versch\u00fcttet. Vor dem Burgtor warten, auf kleine St\u00e4be gesteckt, geriffelte Muschelrundk\u00f6pfe auf den Helden, der die rettende Flut in den Burggraben einl\u00e4\u00dft. In der flachen Sp\u00e4tnachmittagssonne glitzern die Muschelb\u00e4nke dunkel \u00fcber den wassergerippten Sandstreifen. Ein bla\u00dfblauer Himmel spannt sich \u00fcber dem ruhigen Meer. Keine Erinnerungen an ausgesp\u00fclte, abgetragene Uferb\u00f6schungen. Ausgebleichte Holzgatter kreisen den Sand ein und halten die D\u00fcnen im Zaun. Die Z\u00fcgel schon locker nachgebend, l\u00e4\u00dft der Sand sich in kleinen H\u00fcgeln durch den Draht auf den flachen Strand. Dann und wann versinkt der Stacheldraht im Untergrund und l\u00e4\u00dft kleine zackige Markierungen auf der Oberfl\u00e4che zur\u00fcck. Ein Pfosten taucht auf und weist auf die ruhige, doch leicht gekr\u00e4uselte Wasserfl\u00e4che vor sich. D\u00fcnnes, hellgr\u00fcnes Silbergras schneidet in ungeschickte Finger und hinterl\u00e4\u00dft kreisf\u00f6rmige d\u00fcnne Runen auf dem Sand. Der Wind biegt die Spitzen herab. Sie tanzen in farbigen Muschelk\u00f6rnchen und glitzernden Quarzsplittern.<\/p>\n<p>Es wird frisch und k\u00fchl. Wir packen zusammen, ziehen uns an. Die salzige Haut reibt etwas und die Haare lassen sich in steife Formen dr\u00fccken. Wir fahren zur Strandsteppe und finden sie rot zwischen den sanft hinabgeneigten Kiefern\u00e4sten. V\u00f6gel t\u00f6nen von einem Baum zum anderen, die Kaskaden der Grillen setzen kurz aus. Unvermittelt beginnen sie nach einer Atempause ihr Reiben. Die Ameisen k\u00e4mpfen sich sengend und brennend den verbarrikadierten Weg frei. Die Bisse brennen noch am n\u00e4chsten Morgen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der zehnte Tag, 10. August 1991 Muscheln in meiner Hand&#8230; Bla\u00df rosafarbene Geh\u00e4usesplitter von herangesp\u00fclten Krabben und Krebsen liegen zwischen schwarzem, halbtrokenem Seegras. Gro\u00dfe, feste Nordatlantikmuscheln in gro\u00dfz\u00fcgigen Mustern vor gro\u00dfen schwarzen Miesmuschelb\u00e4nken. 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