{"id":137,"date":"1990-04-30T11:27:50","date_gmt":"1990-04-30T11:27:50","guid":{"rendered":"http:\/\/schulzki-haddouti.de\/?p=137"},"modified":"2011-02-27T11:29:15","modified_gmt":"2011-02-27T11:29:15","slug":"ein-wochenende-druben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schulzki-haddouti.de\/?p=137","title":{"rendered":"Ein Wochenende dr\u00fcben"},"content":{"rendered":"<p>Per Mitfahrzentrale Richtung Grenze.<br \/>\nHof: zum Teil schon abgebaute Grenzanlagen, verlassene Wacht\u00fcrme.<br \/>\nZum ersten Mal vom Transit runter.<\/p>\n<h4>Jena<\/h4>\n<p>\u00fcber eine kleine Landstrasse nach Jena-Lobeda, ein endlos langes Wohnviertel: Altneubauten. Nahe dem Zentrum liess uns die Fahrerin raus, um weiter nach Berlin zu fahren. Erster Gedanke: keine Luft. Eine Mischung aus Braunkohle- und Trabbiduft schl\u00e4gt uns entgegen. Zweiter Gedanke: kein Geld. Zur Staatsbank gepilgert. Dort eine riesenlange Schlange vor dem Schalter &#8222;Reisegeld&#8220;, zwei kleine Schlangen f\u00fcr &#8222;Barumtausch&#8220;. Sie schickten uns dann jedoch nach vorne: &#8222;Die Personen mit den D-Mark sollen doch bitte &#8230;&#8220; &#8211; peinliche Sonderbehandlung f\u00fcr Devisentr\u00e4ger! Niemand murrte.<\/p>\n<h4>Zimmersuche<\/h4>\n<p>Zum Jena-Info, Stadtplan besorgt. Auf eine Anzeige dieser Touristinformationsstelle hin hatten sich einige B\u00fcrger gemeldet, die eine kostenlose \u00fcbernachtungsstelle f\u00fcr Bundesb\u00fcrger zur Verf\u00fcgung stellten. Zwei Adressen nahmen wir vorsorgehalber mal mit. Eigentlich wollten wir einen Freund besuchen, den wir allerdings vorher weder schriftlich, noch telefonisch (Telefone gibt es nur Priviligierte, Pfarrer, Schwerkranke&#8230;) erreicht hatten. Risiko. Wir versuchten es einfach. Mit der Tram hingefahren, die auf den verzogenen Schienen wie auf wogenden Wellen auf- und abschwankte und einen H\u00f6llenl\u00e4rm machte. Haus gesucht, gefunden, geklingelt. Keinerda. Sofort waren zwei Nachbarn zur Stelle, die uns gleich bereitwillig Auskunft gaben: sie h\u00e4tten den Gesuchten nun schon l\u00e4nger nicht mehr gesehen, ob er \u00fcberhaupt wieder kommt? &#8211; Ein Fenster ging auf, wen wir suchten? Herrn Meyer? Wir k\u00f6nnten ja vielleicht seine Freundin oder Frau oder &#8230;? in der Arbeit erreichen ?? &#8211; Neugierig &#8230; Sp\u00e4ter, in Leipzig, erz\u00e4hlte uns jemand von einem Fund auf dem Dachboden des Stasi-Geb\u00e4udes in Berlin: ein Karteikasten aus dem Jahre 1973, der alphabetisch nach Strassennamen geordnet war, zu jeder Strasse die Hausnummern, und zu jeder Nummer die Bewohner, z.T. mit Bemerkungen versehen: &#8222;erz\u00e4hlt ausf\u00fchrlich&#8220;, &#8222;weiss gut Bescheid \u00fcber die Nachbarn&#8220;,&#8220;empf\u00e4ngt oft Besuch&#8220;, &#8222;linientreu&#8220;, usw.<\/p>\n<p>Im &#8222;Roten Hirsch&#8220; zu Abend gegessen. Aufgrund unseres forschen Auftretens (Frage: &#8222;Wo gibt&#8217;s denn hier noch Platz? Wo ist denn hier der Kellner?&#8220;) wurden wir sofort als Westler identifiziert. An unserem Tisch ein ehemaliger Ballett\u00e4nzer. Weil er nicht mehr gewachsen war, wurde er Packer. Jetzt will er in den Westen: Geld verdienen und dann mit seiner Freundin ein paar Jahre sich die Welt anschauen.<\/p>\n<p>Danach die 1. Adresse vom Jena-Info angesteuert: von einer Nachbarin erfahren, dass es eine Conny schon g\u00e4be, ihr &#8222;so was&#8220; (wie Bundis f\u00fcr eine Nacht aufzunehmen) schon zuzutrauen w\u00e4re, der Nachname w\u00e4re aber falsch. Von anderen Nachbarn wiederum erfuhren wir, dass sie geschieden war, ihr Mann die Kinder eben geholt h\u00e4tte und sie heute abend wohl nicht mehr kommen w\u00fcrde. Einer fuhr uns dann sogar mit seinem Uralt-Chicago-Gangster-Wartburg zur n\u00e4chsten Adresse. Dort hatten sie noch nie vom Jena-Info geh\u00f6rt. Ein Telefon, wie angegeben, hatten sie auch nicht. Die Telefonnummer angerufen. Dort wollten sie auch lediglich nur eine Kontaktadresse im Westen. \u00fcbernachten? Nein, danke. &#8211; Was die anderen \u00fcbernachtungsangelegenheiten anbelangt, sie waren ausgebucht oder zu teuer.<\/p>\n<p>Schliesslich fuhren wir nach Saalfeld zu anderen Freunden. Jena hatte unsere schlimmsten Erwartungen erf\u00fcllt.<\/p>\n<h4>Leipzig<\/h4>\n<p>Mit der Bahn (DR = Dein Risiko) nach Leipzig. Mir gegen\u00fcber sass einer, die Einkaufstasche hing am Kleiderhaken aus der das Orangennetz oben herausspitzelte, auf dem Gep\u00e4cktr\u00e4ger die Plastikt\u00fcte eines M\u00fcnchner Elektro-HiFi-Computer-Gesch\u00e4fts. Er l\u00f6ste Kreuzwortr\u00e4tsel in einem Revolverblatt, darunter ein Stapel Reisezeitschriften. Drei Bierdosen-West standen auf der Heizung. Wie aus dem deutsch-deutschen Bilderbuch.<\/p>\n<p>Ankunft. Leipzig. D\u00e4mmerung. Das Zimmervermittlungsb\u00fcro am Bahnhof geschlossen: Sonntag. In der Telefonzelle: kein Telefonbuch. Zum Vermittlungsamt, dort f\u00fcndig geworden. Das Jugendtouristhotel angerufen. Zimmer frei. Aufatmen. Auch nur, weil eine Gruppe abgesagt hatte.<\/p>\n<p>In letzter Minute bekamen wir noch zwei &#8211; nichtabgeholte &#8211; Karten im Kellertheater f\u00fcr &#8222;Heute abend: Lola Blau&#8220;. Von anderen Besuchern erfuhren wir sp\u00e4ter, dass sie die Karten f\u00fcr diese Vorstellung schon 1987 bestellt hatten! Zur Zeit g\u00e4be es jedoch sogar bei den &#8222;Akademixern&#8220; Karten an der Abendkasse, die Leute h\u00e4tten wohl genug anderes zu tun.<\/p>\n<p>Obwohl gut gespielt, gab es erstaunlich wenig Applaus, sehr zur\u00fcckhaltend, keine Lacher, obwohl es durchaus einige witzige Situationen gegebenh\u00e4tte. Bis vor kurzem oder vielleicht sogar auch jetzt noch hatte es immer einige Stasi-Leute gegeben, die in den St\u00fccken mitschrieben, Leute notierten, die zum falschen Zeitpunkt lachten. Eine ziemlich steife Atmosph\u00e4re. Immer noch. Am Schluss zusammen mit zwei anderen Frauen auf die Garderobe gewartet. &#8211; Wo denn die Moritzbastei sei? &#8211; Sie brachten uns hin, allerdings wurden wir in diese In-Kneipe Leipzigs nicht mehr eingelassen: vor einer halben Stunde war Einlassschluss. Drinnen Underground-Music. Inge: Kreuzberg kommt jetzt zu uns. Trotzdem, um viertel vor elf tote Hose.<\/p>\n<p>Die beiden luden uns zu sich nach Hause ein. Beide sind Liedermacherinnen: &#8222;Frey &amp; Frank&#8220;. Im Moment lebten sie nur von ihren Auftritten: ca. f\u00fcnf im Monat. Das w\u00fcrde wohl zuk\u00fcnftig anders werden, mit steigenden Mieten, Lebensmittelpreisen, usw.. k\u00e4men sie dann nicht mehr so einfach \u00fcber die Runden. Sie spielten uns ein neues Band vor und erz\u00e4hlten uns sehr viel \u00fcber die Schule, \u00fcber ihr Leben hier als Musikerinnen.In ihrer Schulzeit h\u00e4tte Inge auch einmal ein Referat halten m\u00fcssen: Jazz unter dem Aspekt des revolution\u00e4ren Kampfes der ausgebeuteten Schwarzen gegen die weissen Imperialisten oder so \u00e4hnlich. Sie beschr\u00e4nkte sich aber auf die Musik selber. Beim Erz\u00e4hlen wurde ihnen klar, wieviel ihnen in ihrem Leben eigentlich vorenthalten worden war, wieviele Zw\u00e4nge sie einfach akzeptiert hatten, sich angepasst hatten, weil es keine Alternativen gab. Es wurde noch eine lange Nacht. Am Morgen, als wir gingen, fragten sie uns, ob wir schon jemand h\u00e4tten, mit dem wir auf die Demo gingen &#8211; es war Montag, 15. Januar.<\/p>\n<h4>Montag &#8211; Demotag<\/h4>\n<p>Die Litfasss\u00e4ule auf dem Karl-Marx-Platz ist die einzige gr\u00f6ssere, offizielle Anschlagm\u00f6glichkeit neben dem Informationsstand in der Nicolai-Kirche &#8211; &#8222;offen f\u00fcr alle&#8220;. Am Morgen hing schon wieder einiges Neues dran: Manifeste, Gr\u00fcndungsaufrufe, Berichte von der sanften Revolution, ein Aufruf zur &#8222;Lust-am-Leben-Demo&#8220;. Und eine kleine Menschentraube hatte sich auch eingefunden, hungrig nach direkter, nicht von SED-Verlagen und -Druckereien kontrollierter Information. Mittagessen in irgendeinem Restaurant. Mit einem DDR-Ehepaar sassen wir zusammen am Tisch. Wie sich bald herausstellte war sie Grundschullehrerin f\u00fcr Deutsch und Mathematik. Ihre Kollegen mit Staatsb\u00fcrgerkunde oder Geschichte h\u00e4tten es jetzt schon schwer. Keine Lehrpl\u00e4ne, keine Lehrmittel, Unsicherheit \u00fcberall: darf man noch &#8222;Freundschaft&#8220; sagen, das Lied von der &#8222;Kleinen weissen Taube&#8220; singen? Als ich meinte, dass es jetzt wohl f\u00fcr viele ziemlich hart ankommen m\u00fcsste, nachdem sie 40 Jahre f\u00fcr diesen Staat gearbeitet h\u00e4tten, an ihn geglaubt h\u00e4tten, nun feststellen zu m\u00fcssen, dass sie eigentlich immer nur betrogen worden waren, sagte er leise, &#8222;ja, ich habe auch die Mauer mitgebaut&#8220;, als NVA-Soldat. Er ist noch immer dabei. Besonders desillusionierend f\u00fcr die beiden war, als sie im Fernsehen sahen, dass ihre Oberen in Wandlitz wie im Westen lebten, jedoch zugleich sozialistische Gleichheit und Br\u00fcderlichkeit propagierten. Auch ihr Kurztrip in den Westen: besch\u00e4mend das Begr\u00fcssungsgeld abzuholen und dann in einem Grenzort in einem menschenleeren, \u00fcbervollen Supermarkt zu stehen. &#8211; Am Ende des Essens meint er nur zur Kellnerin: Alles auf eine Rechnung.<\/p>\n<h4>Friedensgebet in der Nikolaikirche<\/h4>\n<p>Als Polittouristen nat\u00fcrlich um 17.00 Uhr zum legend\u00e4ren Friedensgebet in der Nikolai-Kirche. Nur noch auf der ober- sten Empore Platz gefunden. Oben und unten standen Fotographen in Westklamotten, vorne waren Fernsehkameras und Scheinwerfer postiert. Der Pfarrer meinte, schade, dass sich nur die westliche Presse f\u00fcr das hier interessiert, die eigene offenbar nicht. Sie w\u00fcrden sich freuen, mal ein paar Bilder von der Andacht zu bekommen. Zuanfang wurde gekl\u00e4rt, dass heute abend keine Kundgebung stattfinden w\u00fcrde (die letzte war etwas entgleist), dass &#8230; noch mehr organisatorisches. Die F\u00fcrbitten. F\u00fcr sich selber, dass die Fronten nicht verh\u00e4rten, dass sie ihren Gegnern verzeihen. F\u00fcr alle, den Dialog mit dem Staat weiterzuf\u00fchren, sich nicht vom West-Konsum einkaufen zu lassen, mit offen Augen ihren eigenen Weg und die wirklich wahren Werte zu suchen&#8230; Noch nie hatte ich einen so spannungsgeladenen, politischen Gottesdienst erlebt.<\/p>\n<h4>Demo<\/h4>\n<p>Im Menschenstrom zur Demo. Pl\u00f6tzlich auf dem Karl-Marx-Platz. Menschenmassen mit Deutschlandfahnen: DDR-Fahnen ohne Emblem, jetzt \u00fcberall ausverkauft. Von weitem Rufe zu h\u00f6ren. Dann lauter: &#8222;Einheit &#8211; Einheit&#8220;. Ein beklemmendes Gef\u00fchl. Denke an zu Hause, wo man jetzt h\u00f6chstens vor dem Fernseher sitzt. An der Post treffen wir Inge und Delia von gestern Nacht. Gemeinsam schrauben wir das Transparent zusammen: &#8222;Neues Forum?-ja!-Gr\u00fcne?-ja!-SED???-nein!&#8220;<\/p>\n<p>Es geht nun den Altstadtring entlang, am &#8211; ehemaligen &#8211; Stasi-Geb\u00e4ude, am Rathaus, am Bahnhof entlang und zur\u00fcck. Witzige Transparente werden belacht. Die Republikaner und die Nationaldemokraten mit ihrem Flugblatt-, Aufkleber- und Kuli-Stand sorgen etwas f\u00fcr Unruhe. Auf einem erh\u00f6hten Absatz stehen drei junge M\u00e4nner, halten die Rep-Fahne hoch. Gemeinsam mit den SED-Leuten ernten sie nur den Ruf: &#8222;Ihr seid das Letzte&#8220;, so lange, bis sie freiwillig herunterkommen. Das Flugblatt in der Hand erkennt man schon am Papier, woher es kommt. Erstaunlich viel West.<\/p>\n<p>Immer wieder Einheitsrufe. Immer wieder stolpern wir \u00fcber kaputte Strassenbahnschienen. Einer zeigt hinunter und ruft: Das hat uns unser Staat vermacht. Andere lachen nur. Gute Stimmung. Nach zwei Stunden verl\u00e4uft es sich wieder &#8211; ohne Kundgebung. Abschied von unseren Leipzigern. Versprechen, sie mal nach T\u00fcbingen zum Konzert einzuladen.<\/p>\n<p>Am Morgen wieder in Stuttgart: die &#8222;FAZ&#8220;: &#8222;100.000 Menschen in Leipzig wieder auf der Strasse, Rufe nach Einheit&#8220;. Die &#8222;Stuttgarter Zeitung&#8220;: auf der Kundgebung wieder Forderungen nach Wiedervereinigung&#8230; Berlin \u00fcberschattet jedoch die Ereignisse in Leipzig: das Stasi-Geb\u00e4ude wurde von Demonstranten gest\u00fcrmt.<\/p>\n<p>Zum ersten Mal bemerke ich einen merkw\u00fcrdigen Duft in der Luft: Diesel. Alles so bunt und sauber und neu. Wieder daheim.<\/p>\n<h4>Ein Monat sp\u00e4ter<\/h4>\n<p>Freunde von uns waren in Leipzig. Kohl war in Moskau. Die Einheit ist geritzt. Die Demo l\u00e4uft brutal ab. Reps auf Balkonen werfen mit Flaschen nach Demonstranten. Schlachtfeststimmung. In der Strassenbahn wird eine Punkerin mit roten Haaren von Neonazis zusammengeschlagen. Eine Zwei-Klassen-Gesellschaft entsteht. Ehemalige Stasi- oder SED-Leute m\u00fcssen in der Tram hinten einsteigen. Auf der Litfa\u00dfs\u00e4ule sind alle kleinen handgeschriebenen Zettel von grossen CSUDSU-Plakaten zugekleistert. Wahlkampf. Es geht um die Einheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Per Mitfahrzentrale Richtung Grenze. Hof: zum Teil schon abgebaute Grenzanlagen, verlassene Wacht\u00fcrme. Zum ersten Mal vom Transit runter. Jena \u00fcber eine kleine Landstrasse nach Jena-Lobeda, ein endlos langes Wohnviertel: Altneubauten. Nahe dem Zentrum liess uns die Fahrerin raus, um weiter nach Berlin zu fahren. Erster Gedanke: keine Luft. 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