| Bürgerjournalismus: Billiger Content? |
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| Geschrieben von Christiane Schulzki-Haddouti | |
| Samstag, 1. Juli 2006 | |
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Vom Bürgerjournalismus versprechen sich immer mehr Verlage nicht nur eine gute Leserbindung, sondern auch kostenlose Informationsquelle. Doch richtige Recherche kann er nicht ersetzen.
Die südkoreanische Newsplattform Ohmynews scheint Schule zu machen: Ganz gewöhnliche Bürger veröffentlichen hier ihre Artikel. Schon 2003 zählte die Website täglich zwei Millionen Leser und zählte zu den einflussreichsten Online-Newssites in Südkorea. Sie war so einflussreich, dass sie sogar das Ergebnis der südkoreanische Präsidentschaftswahl im Dezember 2002 beeinflusste. OhmyNews hatte zu den Wahlen jede halbe Stunde ein Update geliefert und wurde von jungen koreanischen Wählern genutzt, die per E-Mail und SMS-Nachrichten die Leute an die Urnen trieben. Die meisten Beiträge kommen von den rund 40.000 freien Mitarbeitern, nur ein Fünftel aller OhMyNews-Artikel stammt aus der Feder der 55 Redakteure. Diese prüfen die Beiträge der „Citizen Reporters“ auf Richtigkeit und Objektivität. Bei Veröffentlichung erhalten die Bürgerjournalisten zwischen 5 und 20 Euro – je nachdem, wie die Redakteure die Artikel einstufen. „Die Gründung von OhMyNews erfolgte in erster Linie als Reaktion auf das konservative Mediensystem und die vorherrschende Meinungsmacht“, weiß Solveig Grothe. Sie leitet das deutschsprachige Projekt „Readers Edition“, das die Netzeitung kürzlich ins Leben rief. 20 Millionen Redakteure gesuchtProvokativ sucht die Netzeitung „20 Millionen Redakteure“ – und setzt auf eine bessere Leserbindung. Grothe: „Der Netzeitung war schon immer ein enger Kontakt zu ihren Leser wichtig - sei es klassisch über Leserbriefe oder E-Mails. Im Laufe der Zeit erreichten die Redaktion zahlreiche Hinweise und Anregungen. Daraus entstand die Idee, den Usern eine Plattform anzubieten, auf der sie gleich selbst redaktionelle Beiträge publizieren können.“ Anders als bei klassischen Nachrichtenanbietern erscheint in Readers Edition nur die "Kür", kein Pflichtprogramm. Die Autoren wählen ihre Themen völlig frei und schreiben nur über Dinge oder Ereignisse, die sie interessieren. Von der Bandbreite der eingesandten Artikel zeigt sich Grothe überrascht: Die Leser schicken Augenzeugenberichte aus Beirut, aktuelle Sportmeldungen, Börsenkommentare, Buchrezensionen und gesellschaftskritische Essays. Für das Sichten und Redigieren investieren so genannte Moderatoren täglich im Schnitt eine Stunde. Im Wiki der Readers Edition finden Autoren Hinweise dazu, wie ein journalistischer Text aussehen sollte. Dies ist auch ein Maßstab, den die Moderatoren an die Texte anlegen. Wenn etwa die Quelle der Information oder wichtige Aspekte im Artikel fehlen, bitten die Moderatoren die Autoren ihre Texte entsprechend zu überarbeiten oder geben ihnen Tipps, wie sie ihre Artikel noch ausbauen könnten. Generell gilt: Die Netzeitung als Betreiber der Plattform übernimmt die Verantwortung für Readers Edition – das ist presserechtlicher Standard. Honorar nicht ausgeschlossenManche Geschichte könnte auch im Hauptblatt landen: „Wenn Redakteuren der Netzeitung ein Artikel in Readers Edition besonders gut gefällt, kommt es schon mal vor, dass sie den Autor bitten, die Geschichte auch in der Netzeitung zu publizieren - dann natürlich gegen Honorar,“ erzählt die Projektleiterin. Noch erfolge die Übernahme aber nur „punktuell“ – ohne Honorar. Grothe: „Wenn das Modell erfolgreich ist, ist für die Netzeitung auch das Thema Bezahlung kein Tabu.“ Und um Missverständnisse vorzubeugen sagt sie auch: „Die Reader’s Edition ist nicht dazu angelegt, die Netzeitung zu ersetzen, sondern ein zusätzliches Angebot.“ Und auch von Stellenabbau ist keine Rede – im Gegenteil: Mit dem Projekt wurde eine Stelle neu geschaffen. Die Erfindung des LeserreportersText und Bild vom Leser-Reporter – darauf setzt auch die „Saarbrücker Zeitung“. Im Januar war sie die erste, die den so genannten „Leser-Reporter“ suchte – mit Erfolg: Im Juli erhielt sie rund 2600 Leserhinweise. Ein Volontär setzt sie in ein internetgestütztes Computersystem, wertet sie aus und schickt sie kommentiert an mögliche Abnehmer in der Redaktion. Die Leserbilder und –texte kommen jedoch nicht ohne weiteres ins Blatt: Redakteure prüfen die Geschichten und schicken mitunter noch einmal professionelle Fotografen an den Ort des Geschehens. „Schon immer gab es Leserhinweise“, erklärt Chefredakteur Peter Stefan Herbst. Doch diese seien nicht immer professionell behandelt worden, weil die Leser irgendwo im Geschäftszimmer oder im Callcenter gelandet seien. „Mit der Software gehen keine qualifizierten Hinweise mehr verloren.“ Im Juli schafften es 275 Hinweise ins Blatt, 92 Fotos wurden gedruckt. „Und das in einer Zeitung, in der wir den Bildanteil erhöhen wollen“, erklärt Herbst. Dies schlage sich auch in den „deutlich“ erhöhten Ausgaben für Bildhonorare nieder. Für die Fotografen ergeben sich mit der Einführung der „Leser-Reporter“ nicht weniger, sondern mehr Aufträge, erklärt Herbst: „Sie erhalten aufgrund der Leserhinweise Extraaufträge. Bei einem Unfall beispielsweise schicken wir auch einen Fotografen für eine Übersichtfotografie.“ Zwar sind es mit Bränden und Unfällen meist sensationelle, spektakuläre Nachrichten, die über die Hinweise der Leser ins Blatt kommen, doch Herbst betont: „Wir wollen die Leser nicht animieren etwas zu tun, was problematisch ist oder sich in Gefahr zu begeben.“ Mit den „Leser-Reportern“, die „Bild“ auf Promi-Jagd schickt, möchte sich Herbst im Übrigen nicht anfreunden: „Die Entwicklung bei „Bild“ halte ich für sehr problematisch. Für uns ist es ärgerlich, dass der Name „Leser-Reporter“ durch Bild eine ganz andere Bedeutung erhält.“ Bilder zu jedem EreignisAuch Focus Online experimentiert seit einigen Wochen auf der Plattform „Focus Live“ mit Leser-Material. Jochen Wegner, Chefredakteur von Focus online, hofft vor allem auf eine bessere Redaktion-Leser-Kommunikation: „Wir möchten den Lesern zusätzlich Aufmerksamkeit schenken, indem wir ihre besten Fotos und Videos redaktionell featuren.“ Zur Fußball-Weltmeisterschaft schafften es einige der über 2000 eingesandten Fanbilder sogar mehrmals auf Doppelseiten in den Print-Focus. „Die Qualität der Leserbilder ist erstaunlich hoch“, freut sich Wegner. Honorar bezahlte Focus hierfür nicht – die Leser treten mit dem Hochladen ihre Urheberrechte für die Verwertung durch Focus kostenlos ab. Noch ist es allerdings zu früh abzuschätzen, in welchem Umfang die Redaktion Leser-Bilder übernimmt oder sich für weitere Berichte anregeln lässt. Allerdings plant Wegner die Bilder “regelmäßig und in großem Umfang“ einzubinden. Personal in der Redaktion selbst wird dadurch nicht eingespart – eher umgekehrt: „Wir müssen für die Betreuung unsere Community-Redaktion ausbauen“, meint Wegner. Gleichwohl ist anzunehmen, dass professionelle Fotografen die sinkende Nachfrage auf lange Sicht spüren werden. Wie Focus Live machte auch die Braunschweiger Zeitung ihre Leser zu WM-Reportern. Sie fotografierten mit ihrem Handy Fanbilder und schickten sie umgehend per MMS in die Redaktionen. So gingen bereits vor dem Eröffnungsspiel Deutschland gegen Costa Rica die ersten Fotos und SMS-Texte ein – die am nächsten Tag auf der WM-Reporter-Seite im Blatt gedruckt wurden. Ungewöhnlich ist, dass Focus online nicht wie die Netzeitung oder RP-Online mit „Opinio“ auf Texte, sondern Bilder setzt. Der vom Online-Fotodienst Flickr und der Video-Plattform Youtube inspirierte Wegner sagt: „Citizen Reporting mit Fotografie und Video liegt für mich besonders nahe, weil diese Medien direkter funktionieren als Text.“ Auch setzt Wegner auf die Exklusivität von Laien-Bildreportern: „Stellen Sie sich vor: Der nächste Tornado in Hamburg, Schneechaos in Bayern, Überschwemmung oder Fußball-Weltmeisterschaft - und viele User haben tolle Bilder, an die man sonst nicht so schnell kommen würde.“ Gleichwohl gelten auch in der Bildberichterstattung journalistische Mindeststandards, die Focus Live in seinen Nutzerbedingungen formuliert. Besonderen Wert legt Focus Live darauf, dass keine Urheberrechte verletzt werden – etwa über mitgeschnittene TV-Beiträge. Eine Rund-um-die-Uhr-Überwachung der Eingänge gibt es allerdings durch das so genannte Community-Team nicht. Wegner: „Wir prüfen nicht jedes Bild, bevor es frei geschaltet wird, reagieren aber sofort bei Hinweisen auf problematische Inhalte.“ Gegenüber dem Verlag musste Wegner seine Idee nicht mit einem genau definierten Mehrwert begründen oder ein Business-Modell präsentieren: "Wenn der Chefredakteur das will, wird das gemacht." Die Kosten scheinen auch nicht allzu hoch zu liegen: „Das war keine Rieseninvestition - im Vergleich zu dem, was wir an Feedback und Input für die Redaktion erhalten.“ Im Moment befindet sich Focus Live noch in der Testphase. „Langfristig werden wir Userbeiträge honorieren - zu den üblichen Honoraren“, verspricht Wegner. Klassische NachrichtenfaktorenDie Themen des neuen Amateurjournalismus bestätigen übrigens auch die klassische Nachrichtenwert-Theorie. Sie nennt drei Faktoren für die Auswahl von Nachrichten: Vereinfachung, Identifikation und Sensationalismus. Entsprechend haben komplexe und nicht einfach zu vermittelnde Themen wie etwa die Arbeitsmarktreform im „Citizen Journalism“ kaum eine Chance. Für Lorenz Lorenz-Meyer, Professor für Online-Journalismus an der Hochschule Darmstadt, steht fest: „Die Medien erhalten über die Amateurjournalisten eine klassische Nachrichtenauswahl, die aber ohne Arbeitsteilung zusammengestellt und ohne weitere Recherche nicht vertieft wird – das ist wenig und darüber sollte man nicht froh sein.“ Gleichwohl sieht er in einer „artikulierten Leserschaft“ auch einen demokratischen Erfolg. Für die Redaktionen entstehe so ein „Resonanzraum, ein Echo und Rückkanal“, der „Anregung für Themen und Rekrutierungsquelle für talentierte Autoren“ sein könne. Guter Journalismus brauche aber Recherche: „Recherche ist nicht Google, sondern basiert auf Erfahrung, Netzwerken und Vertrauensbeziehungen“, so Lorenz-Meyer. Die gute Recherche vermisst auch der Deutsche Journalistenverband: „Themenfindung und Recherche vor Ort sind wesentliche Bestandteile des Qualitätsjournalismus“, betonte der DJV-Bundesvorsitzender Michael Konken, „die so unter die Räder kommen. Es wäre fatal, die Lokaljournalisten zu Sitzredakteuren zu degradieren.“ Die journalistischen Standards dürften durch die Leserreporter nicht aufgeweicht werden. Dieser Beitrag ist in einer überarbeiteten Fassung im "journalist" 2006 erschienen. |
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