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Kirchenpolitik in der DDR

Die im Frühjahr 1990 verfasste kleine Abhandlung über „Kirchenpolitik“ war eine Trimesterarbeit im Fach „Politik“ am Leibniz-Kolleg in Tübingen. Erstellen konnte ich sie nur, weil ich auf zahlreiche Quellen zurückgreifen konnte, die ich im März 1990 direkt vor Ort in Leipzig und Berlin erlangen konnte. Teilweise hatte ich Litfasssäulen und Anschläge auf Schwarzen Brettern in Kirchen abfotografiert, teilweise hatten Aktivisten mir, einer 23-jährigen Studentin „von drüben“, vertrauensvoll ihre zweiten und dritten Durchschläge ihrer mit der Schreibmaschine geschriebenen Papiere überlassen. Für mich war das damals sehr aufregend, aber auch ein Vertrauensbeweis, der mich verpflichtete – und damit wohl eine Art erste wirklich prägende journalistische Erfahrung.

Kirchenpolitik in der DDR

Vorbemerkung

Die vorliegende Darstellung versteht sich vor allem als politikgeschichtliche Analyse. Obwohl es eine fast unüberblickbare Anzahl wissenschaftlicher Literatur über das gesellschaftliche System der DDR und zahlreiche Spezialuntersuchungen gibt, so sind zur Stellung der Kirchen und zur Kirchenpolitik in der DDR ausser dem Standardwerk von Horst Dähn „Konfrontation oder Kooperation“ über das Verhältnis von Staat und Kirche im Zeitraum zwischen 1945 und 1980, keine wesentlichen umfassenden Publikationen erschienen. Daher habe ich mich in meiner Arbeit vor allem auf Primärquellen und Aufsätze gestützt.

Einleitung

Die seit der Gründung der DDR währende Gratwanderung der Kirche zwischen Opposition und Opportunismus, sowie der SED bzw. des Staates zwischen ideologischem Totalanspruch und politischem Realismus prägte das Verhältnis von Kirche und Staat entscheidend. Die SED und der Stasi waren vier Jahrzehnte lang Synonym für einen Staat, der zusammenbrach, als ihn seine Besatzungsmacht ihn sich selbst überliess. Heute, in der Zeit des Übergangs sehen sich Christ- wie Sozialdemokraten beschuldigt, dem Apparat zu Diensten gewesen zu sein.

Die Besonderheit einer gesellschaftlichen Bedeutung der evangelischen Kirchen in der DDR liegt darin begründet, dass es in der ideologisch geschlossenen Gesellschaft der DDR keine Basis für gesellschaftskritische Initiativen gibt. Die Kirchen hingegen, die aus diesem System ausgegliedert sind, können einen relativen Freiraum bieten, der Diskussions- und Bewusstseinsprozesse gewährleistet, die ansonsten ausserhalb der Kirchen unmöglich wären. Diese Ausnahmestellung begründet ihr grösseres Gewicht als vergleichsweise in der Bundesrepublik.

In der vorliegenden Arbeit soll es vor allem um die Frage gehen, welchen Weg die evangelische Kirche in der DDR einschlug, wie sie sich als „Kirche im Sozialismus“ verstand und welche Rolle sie in den umwälzenden Ereignissen des Jahres 1989 spielte.
Die Rolle der katholischen Kirche wird hier nicht behandelt. Bezüglich des politischen Umbruchs in der DDR ist sie zur Zeit umstritten. Manche sind versucht, den Katholiken in der DDR eine „konsequente Opposition“ zu bescheinigen, andere wie der Berliner Bischof Sterzinsky äussern sich kritisch:

„Wir werden noch viel überlegen müssen, worin eigentlich unser Versagen auf katholischer Seite bestanden hat … Wir haben nicht zu hoffen gewagt, dass Demonstrationen, Willensbekundungen und Willensäusserungen zu einem Erfolg führen könnten. Wir haben deshalb bedauerlicherweise uns sehr zurückgehalten und viel zu wenig an den Vorbereitungen des Neuaufbruchs beteiligt.“

Auf katholischer Seite erklärt man sich diese Zurückhaltung weniger durch die zahlenmässige Minderheit, als durch das katholischen Selbstverständnis. Die katholische Kirche verstand sich als Bekenntnisgemeinschaft, die in ihrer Bindung an Rom die Distanz zum Staat wahrte. Dass dieses universalkirchliche Verständnis zuweilen mit pastoralen Notwendigkeiten in Konflikt geriet und sich die Distanz zur Gesellschaft vergrößerte, wurde in Kauf genommen:

„Die katholische Laienöffentlichkeit in der DDR hatte nur eine winzige Basis: die Pastoralsynode am Anfang der 70er Jahre, das Mittragen der Gottesdienste auf den Aussenstationen, die Gruppen der Diakonatshelfer, die Eltern, die in der Katechese mitwirkten, den Fernkurs Theologie, die Berufsgruppen in den Bildungshäusern, die Familienkreise, die geistlichen Gemeinschaften.“

Die Aktivitäten dieser Gruppen blieben immer innerhalb des kirchlichen Raumes, sie beschäftigten sich nicht wie die Gruppen unter dem Dach der evangelischen Kirche mit gesellschaftspolitisch relevanten Themen.

1. Konfrontation in den 50er und 60er Jahren

In den Jahren unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg, als die DDR noch Sowjetische Besatzungszone (SBZ) hiess, bemühte sich die KPD bzw. die SED noch um Toleranz gegenüber den Kirchen. Die Kirche wurde taktisch als Bündnispartner für einen „friedlichen Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus“ begriffen. „Dasselbe gesellschaftliche Ziel: Herstellung von `Gerechtigkeit und Frieden` auf der Erde“ wurde seitens der SED beschworen. Gleichzeitig wurden auf dem Vereinigungsparteitag vom 21.4.46 in den „Grundsätzen und Zielen“ die „Trennung der Kirche von Staat und Schule“ beschlossen, aber auch die „Gesinnungs- und Religionsfreiheit“ anerkannt. Hier bereits deutete sich der spätere Hauptkonflikt zwischen Kirche und Staat an: die Kirche sollte die Bildungshoheit des Staates anerkennen.

In den drei Jahren bis zur Gründung der DDR wurde die Sozialistische Einheitspartei in eine bolschewistische Kaderpartei verwandelt. Der Marxismus-Leninismus und der Antifaschismus als dessen besondere Ausprägung gaben die Legitimationsbasis der DDR ab.

Als Grotewohl im Juli 1950 auf dem 3. SED-Parteitag forderte, die Grundlagen des Marxismus-Leninismus in das Lehrprogramm aufzunehmen, der Kirche jedoch alleine die Freiheit des Theologiestudiums zuzugestehen, begann eine jahrzehntelange Auseinandersetzung. Der Marxismus-Leninismus als Basis eines atheistischen Erziehungssystems stellte die Legitimation anderer Glaubens- und Wertvorstellungen in Frage. Die Rechtfertigungsbasis für die Kirche war das in der Verfassung verankerte Recht, zu allen Lebensfragen Stellung zu nehmen, sowie der Satz „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5,29).

Wie wirkten sich diese ideologischen Differenzen tatsächlich aus?

1.1. Eine „atheistische Gegenkirche“

Die Chancengleichheit im Bildungsbereich war nicht gewährleistet. Von der ideologischen Einstellung hing die Zulassung zur EOS, zum Abitur und letztlich zur Universität ab. Die Jugendarbeit der Kirche wurde massiv behindert. Mitglieder der „Jungen Gemeinde “ wurden zunächst lediglich diffamiert, wenn sie ein Bekenntniszeichen trugen. In der Folgezeit ging die SED jedoch wesentlich aggressiver vor und versuchte die „Junge Gemeinde“, die einzige legale Repräsentantin der DDR-Jugend neben der FDJ, als „unerlaubte Organisation“ zu kriminalisieren.

Als Provokation seitens der SED kann die in den sozialistischen Ländern Osteuropas als einmalige Einrichtung vorkommende Jugendweihe aufgefasst werden. Zwar wurde das Gemeindeleben nicht so stark wie in der Sowjetunion unterdrückt, doch versuchte man ein überzeugendes Konkurrenzunternehmen aufzubauen. Die Jugendweihe wurde von der SED als gesellschaftliche Einrichtung vorgestellt, deren Teilnahme auf freiwilliger Basis erfolge. Sowohl die evangelische, als auch die katholische Kirchenleitung waren sich dar i n einig, dass sie nicht mit Konfirmation bzw. Kommunion und Firmung zu vereinbaren wäre. Das eine schliesse das andere aus. Ab 1957 wurde seitens der SED die staatliche Werbung für die Jugendweihe und damit der Konfrontationskurs gegen die Kirchen verstärkt. Die Jugendweihe wurde zur die Voraussetzung für den Zugang zur EOS. Es wurde sogar zum „systematischen Kampf gegen den christlichen Glauben“ aufgerufen und in der Folger wurden der Religionsunterricht in Schulräumen, sogar die Seelsorge in Krankenhäuser behindert.

Viele Zeichen standen nun für die Errichtung einer „atheistischen Gegenkirche“. Kirchliche Sakramente und Kulthandlungen wurden systematisch kopiert: die Namensnennung erfolgte sozialistisch, verheiratet und beerdigt wurde man sozialistisch, die Jugendweih e wurde mit staatlichen Machtmitteln durchgesetzt, der Schulunterrichts wurde im Geiste der marxistisch-leninistischen Weltanschauung ausgerichtet und der christliche Glaube war etwas, das es zu bekämpfen galt.
Wie begegnete die Kirche diesen gegen sie gerichteten Massnahmen?

1.2. Zeichen einer Entspannung

1958 kam es zu einer Aussprache zwischen Teilen der evangelischen Kirchenleitung und der Regierung. Bischof Mitzenheim plädierte für ein „gutes Nebeneinander von Kirche und Staat“. Was den strittigen Religionsunterricht an den staatlichen Schulen – es gab nur staatliche – anbelangte, einigte man sich darauf, dass der Religionsunterricht als ausserschulische Veranstaltung erst nacheiner Zwei-Stunden-Pause stattfinden sollte.
Das „Kommuniquè vom 21.7.58“ wurde allgemein als Zeichen der Entspannung gewertet: Die Kirche „respektiert die Entwicklung zum Sozialismus“. Diese Aussage sollte in den folgenden Jahren die Grundlage für normale Beziehungen zwischen Staat und evangelischer Kirche bilden. Jedoch kam die SED in der Frage der Jugendweihe der Kirche nicht entgegen.

In der „Programmatischen Erklärung“ vor der Volkskammer stellte Walter Ulbricht am 4.10.60 zum ersten Male fest, dass „Christentum und die humanistischen Ziele des Sozialismus (…) keine Gegensätze (sind)“, wohingegen die meisten Kirchenführer seine Auffassung nicht teilten. An der grundsätzlichen Situation der Christen in der DDR änderte sich nämlich nichts.

Allerdings konnte die Kirche Teilerfolge erringen:
1962 war die allgemeine Wehrpflicht, 1964 waren die Baueinheiten eingeführt worden. Aus religiösen Gründen durfte der Wehrdienst ohne ein vorausgehendes spezielles Prüfungsverfahren verweigert werden. In Baueinheiten konnte man seit dem 2.9.64 den „Dienst oh ne Waffe“ ableisten. Es gab keine Beförderung und keine Degradierung, man musste auch keinen Fahneneid, lediglich ein Gelöbnis sprechen.
Pro Jahrgang nahmen ca. 350 junge Männer diese Möglichkeit in Anspruch, unter denen sich Überdurchschnittlich viele als überzeugte Christen bezeichneten.
Die 50er und 60er Jahre werden durch Dauerkonflikte im Erziehungsbereich bestimmt. Allerdings können die Kirchen alle Ämter autonom besetzen, sie geniessen Kultusfreiheit, können Caritas und Diakonie frei ausüben, auch das Kirchenvermögen bleibt bestehen. Die Kirchensteuer kann weiterhin freiwillig bezahlt werden, zum Teil gewährt der Staat sogar Steuerbefreiung und Zuwendungen.

1.3. Der Bund der evangelischen Kirchen in der DDR

Das ZK der SED berichtete dem VII. Parteitag 1967, dass „die Mehrheit der religiös gebundenen Bürger und viele Amtsträger der Kirche (…) an der allseitigen Stärkung des sozialistischen Staates beim umfassenden Aufbau des Sozialismus“ teilnehmen. Der Parteitag empfahl in der Folge die Ausarbeitung einer neuen Verfassung, deren Entwurf im Januar 1968 öffentlich zur Diskussion gestellt wurde.

Auch die Kirchen bezogen positiv Stellung. Bischof Mitzenheim erklärte fast programmatisch:

„Wir wollen nicht Kirche gegen den Sozialismus sein, sondern Kirche für die Bürger in der DDR, die in einer sozialistischen Gesellschaft mit ungekränktem Gewissen Christen sein und bleiben wollen“.

Die Verfassung schließlich erkannte unter der Voraussetzung die Kirche als „kultischen Block“ an, dass der „real-existierende Sozialismus“ nicht in Frage gestellt wurde.
Ein Religionsartikel wurde in die Verfassung der DDR vom 9.4.1968 aufgenommen: „Glaubens- und Gewissensfreiheit sind“ nach Artikel 20 (1) „gewährleistet“.

Hiermit entstand eine neue kirchenrechtliche Situation. Seit dem 13.8.1961, dem Tag des Mauerbaus, tagten die EKD-Organe nur noch getrennt. Jetzt wurde innerhalb der Kirche diskutiert, ob nicht „aus der Verfassung für die Existenz der Kirchen im Sozialismus vernünftige Schlussfolgerungen zu ziehen“ sind. Sollten die Staatsgrenzen der DDR auch die Grenzen für die kirchliche Organisation bilden?

Um in der Gesellschaft der DDR konkreter handeln zu können, entschlossen sich die acht Landeskirchen der DDR und ihre Synoden den Bund der Evangelischen Kirchen der DDR zu gründen. Die Ordnung des BEK trat am 10.6.1969 in Kraft.

2. Entspannung in den 70er Jahren

2.1. „Kirche im Sozialismus“

Auf der Synode in Eisenach im Juli 1971 wurde eine Koexistenzformel für das Verhältnis von Staat und Kirche geprägt, die ihren festen Platz im kirchenpolitischen Vokabular und darüber hinaus gefunden hat:

„Eine Zeugnis- und Dienstgemeinschaft von Kirchen in der DDR wird ihren Ort genau zu bedenken haben: In dieser so geprägten Gesellschaft, nicht neben ihr, nicht gegen sie. Sie wird die Freiheit ihres Zeugnisses und Dienstes bewahren müssen.“

In den folgenden Jahren wurde regelmässig über ihre tatsächliche Bedeutung diskutiert. Den einen ging das „im“ wesentlich zu weit und werteten es als Verrat an der eigenen Sache. Ursprünglich als reine geographische Ortsbestimmung gedacht, weitete sich der Begriff „Kirche im Sozialismus“ zur politischen und theologischen Standortbestimmung aus. Alle Fragen und Probleme wurden seither unter dieser neuen Rollendefinition analysiert. Im Grunde besass die Kirche nur die Möglichkeit der politischen Präsenz, nicht aber die der politischen Einflussnahme.

Zum ersten hochoffiziellen Treffen zwischen Vertretern der Kirchenleitung und der Staatsführung kam es am 6. März 1978. Erich Honecker traf sich mit dem Vorstand der Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen (KKL). Als gemeinsamer Nenner wurde in diesem Grundsatzgespräch seitens Honecker das Mitwirken an humanistischen Zielen des Sozialismus, seitens der Kirche die Bereitschaft zum „Handeln für alle Menschen“ genannt. Die Kirche wurde somit als eigenständige Organisation mit gesellschaftlicher Relevanz an erkannt. An dem Prinzip der Trennung zwischen Staat und Kirche wollten beide Seiten strikt festhalten. Bischof Schönherr stellte einschränkend fest, „das Verhältnis zwischen Staat und Kirche sei so gut, wie es der einzelne christliche Bürger in seiner gesellschaftlichen Situation vor Ort erfährt.“ Die Kurzformel „Kirche im Sozialismus“ galt seitdem „als Ausdruck eines Fundamentalkonsenses zwischen Staat und Kirche“.

Das Gespräch hatte die Möglichkeiten der Kirche merklich erweitert, ihre Vorstellungen auch öffentlich zur Geltung zu bringen. Die Grundkonflikte der vergangenen Jahre schwelten allerdings weiter, neue entstanden durch die Einführung des Wehrunterrichts im Sommer 1978.

2.2. Spannungs- und Kooperationsfelder
2.2.1. Die Einführung des Wehrunterrichts

Im Laufe der 70er Jahre verstärkten sich die Militarisierungstendenzen des Staates, die den Boden für die sich dagegen wehrende Friedensbewegung bereiteten. Die atheistische Erziehung wurde als Prozess der Befreiung die Menschen von einem „illusorischen Glück, das ihm der christliche Glaube vermittelt“ verstanden. Die sozialistische Schülerpersönlichkeit sollte von einem wissenschaftlich fundierten Weltbild geprägt werden und einen festen Klassenstandpunkt einnehmen. Ein Erziehungsziel war ein klares Feindbild zu aufzubauen:

„den Hass gegen den Imperialismus und seine bewaffneten Söldner tiefer in den Herzen der Jugendlichen zu verwurzeln“.

Die Staatsbürgerkunde allein reichte dafür nicht ganz aus. Die zentralen Elemente der „sozialistischen Wehrerziehung“, die Wehrbereitschaft zum einen, die durch die Wehrmotivation, das Wehrbewusstsein und die Wehrmoral erzeugt wurde, und die Wehrbefähigung zum anderen, sollten im Wehrunterricht den Jugendlichen angeeignet werden:

Am 1.2.78 wurde beschlossen, den Wehrunterricht als obligatorisches Fach in den 9. und 10. Klassen der allgemein bildenden polytechnischen Oberschule zum 1.9. einzuführen. Der Kirchenbund legte förmlichen Widerspruch bei der Regierung ein und entwarf ein kirchliches Gegenprogramm: „Erziehung zum Frieden“. Kirchliche Friedensarbeitskreise entstanden.

Ausserunterrichtliche Formen der Wehrerziehung, wie zum Beispiel die Hans-Beimler-Wettkämpfe oder die vormilitärische Ausbildung im Rahmen der GST gab es schon länger. Auch die Freizeit der Kinder und Jugendlichen war strikt organisiert. Von der 1. bis zu 3. Klasse gehörten sie zu den Jungpionieren, von der 4. bis zur 7. den Thälmannpionieren an, um dann per Jugendweihe feierlich in die FDJ aufgenommen zu werden. Da Jugendweihe und Konfirmation sich einander aufgrund des Vetos der Kirchen ausschlossen, konnten christliche Schüler nicht Mitglied der FDJ werden. Man warf ihnen „gesellschaftliche Unzuverlässigkeit“ vor und verweigerte ihnen den Zugang zur EOS oder zum Studium. Dies nahm der Kirchenbund besorgt zur Kenntnis, um in Einzelfällen mit den verantwortlichen staatlichen Stellen – nicht immer mit Erfolg – zu verhandeln.

2.2.2. Grund- und Menschenrechte

Der Kampf gegen den Rassismus war ein Anwendungsfall für die Realisierung der allgemeinen Menschenrechte. Die Kirchen bekannten sich eindeutig zum Anti-Rassismus-Programm des ÖRK. Schon 1968 stellten sie fest, dass Rassendiskriminierung (…) eine krasse Leugnung des christlichen Glaubens (…), gekoppelt mit wirtschaftlicher und politischer Ausbeutung“ ist.

Das Ökumene-Verständnis äußerte sich vor allem als Solidarität mit den unterdrückten Völkern in der Zwei-Drittel-Welt. Nicht immer wurden jedoch Verbindungen zu den Problemen in der eigenen Gesellschaft gezogen, so auch beim Thema Rassismus. Man konzentrierte sich auf den Rassismus im südlichen Afrika, die bereits latent vorhandene Diskriminierungen im eigenen Land wurden allerdings von der Diskussion ausgeklammert. Erst in den 80er Jahren verlagerte sich die Aufmerksamkeit auf die Probleme im eigenen Land:

„Ökumene gibt es auch vor der eigenen Haustür; die Fragen von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung stehen auch daheim an, im eigenen Lande. Viele unserer ökumenischen Partner blicken mit Spannung auf die Erfahrungen unserer Kirche in der sozialistischen Gesellschaft. Wir könnten auch nicht glaubwürdig für Frieden und Gerechtigkeit in der weiten Welt eintreten, wenn wir nicht zu Hause dieselben Ziele verfolgten.“

Fast ebenso charakteristisch für die 70er Jahre ist die auf die positiven Seiten beschränkte Darstellung und Vermittlung des Kirche-Sozialismus-Verhältnis seitens der Kirchen. So setzte sich die evangelische Kirche nur vorsichtig für die Realisierung der KSZE-Schlussakte von Helsinki (1975) ein. Die im Korb III der Schlussakte geforderte uneingeschränkte zwischenmenschliche und -staatliche Kommunikation konnte direkt auf die Verhältnisse in der DDR bezogen werden. Die Kirche, konfrontiert mit der desolaten Reise- und Besuchssituation, wandte gegenüber dem Staat lediglich ein, dass das Vertrauen des Staates nicht missbraucht werden würde und qualifizierte Arbeitskräfte die DDR be i durchlässigeren Grenzen nicht verlassen würden.

Nur in Einzelfällen half die Kirche bei der Familienzusammenführung. Ein Hinweis auf kirchliches Engagement mag sein, dass die Magdeburger Kirchenleitung in diesem Zusammenhang darauf verweist, dass die staatlichen Behörden in letzter Zeit das Stellen von Ausreiseanträgen als „rechtswidrig“ einstufen. Jedoch gab es keinen öffentlichen Protest gegen dieses staatliche Vorgehen bzw. keine Forderungen nach generellen Lösungen.

2.2.3. Diakonie

Die Mitarbeit der Kirchen in der Gesundheits- und Sozialpolitik wurde nie als staatsstrukturgefährdend angesehen. Im Gegenteil, die SED begrüsste das kirchliche Engagement, das den Staat finanziell und personell entlastete. Vor allem gesellschaftliche Randgruppen wurden durch die Gemeinde- und Anstaltsdiakonie versorgt: Alte, Körperbehinderte, psychisch Kranke, Suchtkranke und -gefährdete, sowie sozial Gefährdete. Die Kirche sah in dieser Aufgabe „eine der Seiten des Lebens selbst“ (Schönherr) bzw. eine „Lebens- und Wesensäusserung“ der Kirche. Durch das kirchliche Auffangen von gesellschaftlichen Aussenseitern übte die Kirche in gewisser Weise eine gesellschaftliche Mittler- bzw. Pufferfunktion aus.

Die diakonische Tätigkeit der Kirche kann auch als überzeugender Beweis für die These gewertet werden, dass die Kirche keine Machtposition in der Gesellschaft einnehmen will, sondern sie lediglich um den Dienst der Liebe an allen Menschen bemüht ist. Andererseits bemühte sich der SED-Staat auch, das öffentliche Wirken der Kirchen auf die Bereiche Caritas und Kultus zu beschränken.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Situation im Verhältnis zwischen Staat und Kirche sich gegenüber den ersten zwei Jahrzehnten wesentlich geändert hatte. Zwar kann man nicht von einer harmonischen Zusammenarbeit sprechen, doch wurde in der Formel „Kirche im Sozialismus“ die Lage weitgehend akzeptiert. Das Gespräch vom 6. März 1978 stellt einen wesentlichen Einschnitt in das beiderseitige Verhältnis dar. Die nächsten zehn Jahren sollten unter dem Zeichen des Dialogs stehen. Der innergesellschaftliche Dialog wurde von den entstehenden Basisgruppen immer drängender gefordert, die Kirche in eine Mittlerrolle zwischen Bürger und Staat gedrängt.

3. Kirche in den 80er Jahren

Die politische Kultur des demokratischen Auf- und Umbruchs wurde entscheidend in den 80er Jahren geprägt. Im wesentlichen wurde sie von den vier Faktoren: Staat, Bürger, Kirche und Reformbewegung in der Sowjetunion bestimmt:

Mit seinem Amtsantritt als Generalsekretär der KPdSU im März 1985 kündigte Michail Gorbatschow grundlegende Reformen an. In der DDR hoffte man zunächst auch darauf, dass die SED, wie bisher auch, dem Kurs der Schwesterpartei folgen würde. Jedoch schottete sie sich von den Reformbestrebungen Gorbatschows ab. Stabilität wird beschworen und Honecker bezeichnet „jede Kursabweichung als Marsch in die Anarchie“.

Der damalige Staatssekretär für Kirchenfragen, Gregor Gysi warnte sogar in einem Gespräch im Mai 1987 mit dem Vorstand der KKL davor,

„Gorbatschows Initiativen nicht auf die DDR zu übertragen und generelle Lösungen einzufordern, wo man bislang mit „Einzelfallregelungen doch gute Erfahrungen gemacht“ habe“.

Bei diesem Treffen kritisierte er ebenfalls die innergesellschaftliche Kritik aus kirchlichen Kreisen, die im Laufe der 80er Jahre Anlass für kirchenpolitische Krisen gewesen war. 1981/82 belastete die Auseinandersetzung um die Initiative „Sozialer Friedensdienst“ und den Aufnäher „Schwerter zu Pflugscharen“ die kirchlich-staatlichen Beziehungen, so auch der im April 1987 auf der Görlitzer Bundessynode gestellte Antrag einer „Absage an Praxis und Prinzip d er Abgrenzung“.

Diese Initiativen und Gruppen wurden von einer kleinen Minderheit engagierter Bürger getragen, die Mehrheit jedoch hatte sich resigniert in die innere Emigration begeben und sich auf das Privatleben konzentriert. Die Amtskirche konnte im staatlich-kirchlichen Dialog kleine Fortschritte erzielen, wurde allerdings zunehmend in ihrer öffentlichen Tätigkeit behindert.

3.1. Oppositionsgruppen unter dem „Dach der Kirche“

Die Diskrepanz zwischen der in den staatlichen Medien geschilderten Wirklichkeit und den Alltagserfahrungen wurde immer stärker, ebenso die Angst der SED vor der unbequemen Wahrheit, vor der Schadenfreude missgünstiger ausländischer Beobachter.
In der „Jungen Gemeinde“ und vor allem in zahlreichen Friedens-, Menschenrechts-, Umwelt-, Dritte-Welt- und Frauengruppen, später in der „Initiative für Friedens- und Menschenrechte“ und im „Netzwerk Arche“ wurden staatlich tabuisierte Themen offen diskutiert und verschiedenste Aktivitäten entwickelt.

Die Kirche verhielt sich gegenüber diesen Basis- oder Randgruppen sehr unterschiedlich. Einige Gemeinden stellten ihnen lediglich Räume zur Verfügung, in anderen engagierte sich auch der Pfarrer selbst. In den Gemeinden, Synoden und Kirchenleitungen wurde das Verhältnis zu diesen Grupppen lebhaft diskutiert. Ohne den Schutz der Kirchen würden diese Gefahr laufen, kriminalisiert zu werden, da sie sich ausserhalb des gesellschaftlichpolitischen und normativen Rahmen des sozialistischen Staates bewegten. Die Eigenständigkeit, die die Kirchen als einzige Grossgruppen in diesem gesellschaftlichen System besassen, gewährte ihnen den sonst verwehrten Freiraum. Die Gruppen beanspruchten Schutz unter dem Dach der Kirche, der ihnen nach dem Selbstverständnis der Kirche als „offen für alle“ auch zustand. Damit saß jedoch die Kirche zwischen zwei Stühlen. Zum einen machten die Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen Probleme bewusst, die innerhalb der Gesellschaft, aber auch im Raum der Kirche verdeckt und unterdrückt erschienen, zum anderen brachten sie damit Unruhe in die Kirchen und belasteten das Verhältnis zum Staat. Der Vorsitzende der KKL distanzierte sich von der Rolle der Kirche als Opposition in dem Gespräch mit dem Staatsratsvorsitzenden Honecker am 3.3. 1988:

„Wir sehen unsere Aufgabe nicht darin, eine Oppositionspartei zu sein oder Akklamationen abzugeben. Vielmehr gilt: Wo wir sagen könne, „Gott sei Dank!“, werden wir zur Mitarbeit bereit sein. Wo wir dies nicht vermögen, werden wir uns zu Wort melden und freimütig sprechen.“

3.1.1. Friedensgruppen

Nur in kirchlichen Kreisen war es legitim individualistische und pazifistische Motive öffentlich zu äussern, ohne deshalb mit beruflichen Konsequenzen aufgrund „gesellschaftlicher Unzuverlässigkeit“ rechnen zu müssen. Die zunehmenden Militarisierungstenden zen in der Gesellschaft der DDR in den 70er Jahren erzeugten eine Gegenbewegung. Vehement protestierte die Kirche in Reaktion auf die staatlichen Massnahmen gegen die Einführung des Wehrunterrichts im Jahre 1978. Man bemühte sich um eine konzipierte Friedensarbeit und die ersten Friedensarbeitskreise entstanden unter dem „Dach der Kirche“.

Die Diskussion wurde 1979 durch die Friedensinitiative Breschnews: Abzug von 20.000 Soldaten und 2.000 Panzern aus der DDR, und durch die Auseinandersetzungen im Westen um den NATO-Doppelbeschluss angeheizt. Die SED initiierte eine Unterschriftenaktion für eine „Willenserklärung“ des Volkes für den Frieden, die sich gegen die Stationierung neuerNATO-Rakten, d.h. gegen den NATO-Doppelbeschluss richtete. Sie wurde von der Kirche wegen dem Aufbau von Feindbildern kritisiert: Es hiess darin:

„Wir unterstützen die Friedensinitiative Leonid Breschnews. Wir brauchen überall Vernunft und guten Willen statt Rüstungswahn und Kriegspolitik“.

Aufgrund der Ereignisse in Polen verhärtete sich im Herbst 1980 die Innen- und Aussenpolitik der DDR, was sich ebenfalls auf den kirchlichen Bereich auswirkte. Die Berichterstattung von Synoden wurden mehrfach untersagt und evangelischen Kirchenzeitungen wurden zensiert.

Im November fand eine erste landesweite Friedensdekade der evangelischen Jugend statt, die den Aufnäher „Schwerter zu Pflugscharen“ propagierte. Verfänglicherweise war dies das Abbild des von der Sowjetunion der UNO in New York geschenkten Standbildes. Der Aufnäher hatte schnell grossen Erfolg und wurde von vielen Jugendlichen getragen, die damit auch ihre Kritik an der Staatspolitik oder sogar am Staat selbst demonstrieren wollten. Da das Zeichen ursprünglich von dem sozialistischen Bruderland Sowjetunion gesetzt worden war, befand sich die SED in einer Zwicklage. Nach einigen Unsicherheiten verbot sie schliesslich das Tragen dieser Aufnäher.

Im Frühjahr 1981 wurde von Mitgliedern und Mitarbeitern der Kirche im Dresdner Raum der Vorschlag eines Sozialen Friedensdienstes (SoFd) als Möglichkeit der Wehrdienstverweigerung gemacht. Ein breite Diskussion entfachte sich. Die SED reagierte harsch und versuchte die Kirche in ihre Schranken zu verweisen: Aktionen für den SoFD seien friedens-, sozialismus- und verfassungsfeindlich. Die Kirche sollte sich nicht in Richtung einer politischen Opposition gegen das System betätigen.
„Die Kirche will diese Grenze auch nicht überschreiten, verteidigt aber ausdrücklich ihre Pflicht und das Recht die Christen innerhalb des DDR-Systems die Frage nach Friedensbereitschaft und Friedensfähigkeit als kritische Elle an Politik und Praxis des St aates zu legen.“

Der Frieden wurde zum kirchlichen Politikum und zum Thema auf den Herbstsynoden im Oktober und November 1981. Zur ersten öffentlichen, staatlich unabhängigen politischen Versammlung kam es am 13.2.1982, dem 37. Jahrestag der Zerstörung Dresdens, in der Dresdner Kreuzkirche. 5000 Bürger diskutierten über den Frieden. Ein Kommentar aus der Bundesrepublik sah dieses Ereignis als Geburtsstunde der Friedensbewegung in der DDR, die zunächst von Basisgruppen in den Gemeinden ausgegangen war. Tatsächlich hatte sie ihre Wurzeln in den Auseinandersetzungen um den NATO-Doppelbeschluss und Breschnews Friedensinitiative. Von ei ner eigentlichen Friedensbewegung wie in der Bundesrepublik kann man jedoch nur eingeschränkt sprechen, wenn man die Zersplitterung in viele Basisgruppen in den Gemeinden berücksichtigt. Erst im März 1983 trafen sich zum ersten Mal Basisgruppen aus der ge s amten DDR zum Ersten Zentralen Friedensseminar in Ost-Berlin. Die Vertreter sprachen sich für einen anderen, gerechteren Sozialismus aus. Sie verstanden sich nicht als Abgeordnete einer „Kirche im Sozialismus“.

3.1.2. Umweltgruppen

Verstärkt Anfang der 80er Jahre sahen kirchliche Umweltgruppen in den ökologischen Problemen ein neues Feld gesellschaftlicher Mitverantwortung. Sie sahen den Frieden in der Welt und das Weiter- bzw. Überleben der Menschheit durch das weltweite Wettrüsten bedroht und die natürlichen Lebensbedingungen durch die wissenschaftlich-technische Entwicklung wachsender Industriegesellschaften ebenfalls in höchstem Masse gefährdet. Die Gruppen versuchten nun auch in den sozialistischen Industriegesellschaften das Bew usststein für die gesellschaftliche Relevanz zu wecken und bemühtensich, Lösungsansätze in Bereichen des ökologischen und technisch-hygienischem Umweltschutz zu erarbeiten.

An sich kann die sozialistische Gesellschaftsordnung durch ihre zentrale Organisation und langfristige Planung die institutionellen, insbesondere normativen Voraussetzungen bieten. Sie wird aber durch finanzielle Schwierigkeiten – Devisenmangel – in ihren Aktivitäten gehemmt. Die Umweltgefährdung wurde durch den sozialistischen Staat nicht geleugnet, jedoch argumentierte er damit, dass sie im Kapitalismus systembedingt, im Sozialismus aber lediglich Zeichen unzureichender Erkenntnis und Handhabungsmöglichkeiten sei. Es gibt keine „ökologische Krise“, denn diese wäre systemunabhängig.

Unter Christen sind drei Denkmuster zu finden: Zum einen herrscht in biblizistischen Kreisen die Wissenschafts- und Technikfeindlichkeit vor, zum anderen ist auch ein starker Wissenschafts- und Technikoptimismus verbreitet, zum dritten schliesslich vertritt die pragmatische Seite die Meinung, dass die Theologie in diesen Fragen keine Rolle spiele, allein wissenschaftlich-technische Problemlösungen seien gefragt. Als Lösungswege wird von den einen ein neuer Lebensstil, eine Sensibilisierung gefordert, von den anderen die Mitarbeit jedes Einzelnen in der sozialistischen Gesellschaft und die konkrete Einflussnahme.

Basisgruppen formierten sich in einzelnen Gemeinden. Ausgehend von der Genesis traten sie für die Verantwortung für die Schöpfung und ihre Bewahrung ein. Die Arbeit der Umweltgruppen war von Gemeinde zu Gemeinde verschieden stark ausgeprägt. Die einen vers tanden sich als Bibelkreise, die anderen sammelten darüber hinaus Informationen und legten Umweltbibliotheken an.

3.1.3. Ausreiseproblematik

Die Ausreiseproblematik verschärfte sich zunehmend seit 1987. Das Problem als solches war nicht neu. Immer wieder hatten die evangelischen Kirchen dazu aufgerufen, im Lande zu bleiben. Neben der Verbesserung der Reisemöglichkeiten drängten sie vor allem de n Staat, die gesellschaftlichen Voraussetzungen zu schaffen, dass die Menschen sich nicht mehr genötigt sehen, ihre Heimat zu verlassen. Seit Jahren versuchten beide Kirchen, teilweise erfolgreich, in Einzelfällen zu vermitteln und die mit einem Ausreisea n trag verbundenen Schwierigkeiten – Berufsverlust, lange Wartezeiten, gesellschaftliche Diskriminierung – zu mindern.

Im April 1987 war von der Berliner Bartholomäus-Gmeinde auf der Berlin-Brandenburger Synode der Antrag einer „Absage an Praxis und Prinzip der Abgrenzung“ eingebracht worden. Kirchenamtlich war es ein nicht legitimiertes Diskussionspapier, das auf der Bundessynode in Görlitz zwar besprochen, nicht jedoch verabschiedet wurde. Auch wenn solche Initiativen die politischen Möglichkeiten der Kirchen überstiegen, so forderten sie doch zum Gespräch mit den Staatsvertretern auf. In diesem Dialog wurde das politische System unter Druck gesetzt, hinreichend genug, um das Verhältnis zwischen Kirche und Staat erneut zu belasten. Die Initiative war insofern von grosser Tragweite, als dass sie nebst fünf konkreten Forderungen der Liberalisierung der Reisepraxis an ein Tabu rührte: den „antifaschistischen Schutzwall“ vom 13.August 1961. Sie verwies auf die negativen Folgen dieser Abgrenzungspolitik, die die Menschen in die innere und äussere Em igration trieb.

„Sie richtet sich zugleich gegen die im Verhältnis von Staat und Kirchegeltenden Spielregeln vertraulicher Gespräche, wodurch sich – wo generelle Lösungen nicht zu erreichen sind – in Einzelfällen manches regeln lässt.“

Der offene Dialog , der von allen Betroffenen nachzuvollziehen sein sollte, sei nur unter zwei Augen möglich, was eine weitere Form der Abgrenzung darstellte. Als Gysi im Mai 1987 im Gespräch mit dem Vorstand der KKL mahnt, „nicht generelle Lösungen einzufordern, wo man bislan g mit ‚Einzelfallregelungen doch gute Erfahrungen gemacht habe'“, ist dies als direkte Reaktion der SED auf diesen Antrag zu sehen.

Die Ausreiseproblematik belastete das Verhältnis zwischen Kirche und Staat schwer. Ende 1987 begannen sich die Ausreisewilligen zu organisieren, wobei sie, wie andere Gruppen, den Schutzraum der Kirche nutzten. Sie versuchten durch öffentliche Aktionen auf sich aufmerksam zu machen.

Bei der Luxemburg-Liebknecht-Demonstration am 17. Januar 1988 kam es in Berlin zu Verhaftungen. In Leipzig solidarisierten sich Basisgruppen mit den Verhafteten und die Kirche verhalf auch den Ausreisewilligen unter den Verhafteten zu rechtlichem Beistand. Gemeinden in vielen Städten der DDR organisierten Fürbitteandachten, ähnlich den Mahnwachen nach den Festnahmen in der Umweltbibliothek im November 1987. Wie akut die Krise war, zeigte sich bei der Eröffnung einer kirchlichen Anlaufstelle für Ausreisewilli ge in Ost-Berlin. Sie musste schon nach einem Tag unter dem Andrang der vielen Leute wieder geschlossen werden. Besondere Kontakt- oder Seelsogestellen für die Ausreiseantragssteller wurden nach diesem Versuch nicht mehr eingerichtet.

3.2. Zensur und inoffizielle Publizistik

„In dem Ausmass, in dem die Partei sich dem öffentlichen Dialog über gesellschaftliche Konflikte verweigert, werden die Kirchen zum Gegenpart der eingeschränkten Öffentlichkeit, die die politische Führung vermittelt.“

Die evangelischen Kirchenzeitungen hatten sich, anders wie die parteihörigen Medien, vorgenommen auch im gesellschaftlichen Bereich ‚heisse Eisen anzufassen, Tabus zu durchbrechen und Probleme ins öffentliche Bewusstsein zu heben. Die SED hingegen verlangte, dass Informationen vor allem dazu nützlich sein sollten, das „sozialistische Bewusstsein“ in der Bevölkerung zu wecken und zu formen. Kritische Themen wurden ausgespart, weil sie die SED nicht nur in einen Erklärungszwang gebracht hätte, sondern vor allem ihren dogmatischen Führungsrolle gefährdet hätte. Dadurch entstand eine „absurde Diskrepanz zwischen Bild und Wirklichkeit, die für die Massenmedien der DDR so typisch ist“. Der Staat verfügte über das Medienmonopol und bestimmte, was gedruckt und verbreitet werden durfte. Die Zensur erfolgte über den vorgeschriebenen Vertrieb über die Post. Vertreter des Presseamtes gaben die Kirchenzeitungen erst nach Durchsicht zur Auslieferung frei. Wiederholt griff die staatliche Zensur 1988 in kirchliche Veröffentlichungen ein. Das Presseamt warf der Kirche vor, die Trennung von Staat und Kirche nicht berücksichtigt und sich in staatliche Angelegenheiten eingemischt zu haben. Das Presseamt zensierte folgenden Themenkatalog: Ausbürgerung und Übersiedlung, Umweltschutz , Wehrdienst und Wehrdienstverweigerung, Schule und Erziehung, schliesslich Menschenrechte.

Die Pressefreiheit in der DDR erwachte sehr zaghaft Anfang der 80er Jahre mit dem Erscheinen der politisch orientierten Informationsblätter und Zeitschriften im Zusammenhang mit den entstehenden Friedens-, Ökologie-, 3.Welt-, Menschenrechts- und Frauen-Initiativen. Zumeist beanspruchten sie den Schutz der evangelischen Kirche per Hinweis „nur zum innerkirchlichen Dienstgebrauch“, womit diese Schriften von der staatlichen Druckgenehmigungspflicht ausgenommen waren.
Beispielsweise gab der inzwischen schon legendäre „Friedens- und Umweltkreis der Zionskirchgemeinde“ in Ost-Berlin seit September 1986 monatlich die hektographierten „Umweltblätter“ heraus. Sie beschäftigten sich schwerpunktsmässig mit Umwelt-, Menschenrechts- und Friedensfragen, berichteten von aktuellen Ereignissen, die nicht oder nur unzureichend in der Tagespresse behandelt worden waren. Die Zionskirch-Gemeinde stellte im vierwöchigen Turnus Räume für Diskussionsveranstaltungen zur Verfügung. Seit November 1987 kam es des öfteren zu staatlichen Übergriffen auf die ebenfalls dort ansässige Umweltbibliothek, die dort neben anderen inoffiziellen Zeitschriften, wie „Wendezeit“, „Informationen und Texte“ vom Referat Friedensabteilung der Theologisch en Studienabteilung, der „Grenzfall“ auch westliche Zeitschriften ausliegen hatte. Die Umweltbibliotheken entwickelten sich zu alternativen Kommunikationszentren, die über Umweltfragen hinaus eine erweiterte Informationsmöglichkeit boten. Sie ermöglichten auch den zersplitterten Umweltgruppen sich überregional zu organisieren.

4. Die Wende 1989 und ihr Vorspiel

Welche historischen Zeichen deuteten die Wende an, wie und wann wurde sie vorbereitet?

1989 mit dem Verbot des „Sputnik“, der Massenflucht der DDR-Bürger über die Botschaften in Prag und Warschau und der Grenzöffnung in Ungarn? Oder schon 1987, als sich die westliche Welt von der Ernsthaftigkeit der sowjetischen Systemöffnung überzeugte und die Satellitenstaaten die Wahl hatten, den Weg innerer Liberalisierung mitzugehen, die DDR sich jedoch stur stellte? Oder gar bereits 1961 mit dem von Erich Honecker forcierten Mauerbau? Oder mit dem Aufstand am 17. Juni 1953?

Jedes dieser Ereignisse prägte das gesellschaftspolitische System der DDR nachhaltig, doch entscheidend war, als am 7. Oktober 1989 feststand, dass die sowjetischen Truppen einen Befreiungsversuch nicht niederschlagen würden und einen NVA-Einsatz weder mit Panzern noch Soldaten unterstützen würden. Die Besatzungsmacht Sowjetunion machte nun mit Perestroika und Glasnost auch in der DDR ernst. Egon Krenz handelte nur folgerichtig, als er Honeckers Order wieder zurücknahm. Die Maueröffnung am 9. November 1989 war dann der letzte mögliche Schritt einer SED, die vor dem Volkszorn mit dem Rücken an der Wand stand.

Sicher ist jedoch auch, dass ohne einen Bewusstseinswandel innerhalb der Bevölkerung die Wende nicht stattgefunden hätte. Nach jahrzehntelanger bürokratischer Bevormundung und fügsamen Sich- Arrangieren gewann sie an Zivilcourage und wagte den Widerstand. Sie forderte eine demokratische Umgestaltung, die hin zu einer neuen Gesellschaftsordnung oder zur Übernahme der in der Bundesrepublik vorhandenen führen konnte.

4.1. Innenpolitischer Druck und Dialogversuche

Die Kirche war zum einzigen Dialogpartner für wartende Ausreisewillige, für Verfolgte und Wehrdienstverweigerer geworden. Nachdem 1987 vor allem durch staatliche Zensur Druck auf die Kirchen ausgeübt worden war, verschärfte sich die Situation 1988. Die Fronten bestanden weniger zwischen Amtskirche und Staat, als zwischen den meist in der Kirche ansässigen Oppositionsgruppen und dem Staat.

Am 3.3.1988 kam es nach zehn Jahren wieder zu einem Treffen von Vertretern von Kirche und Staat. Der Vorsitzende des KKL, Dr. Leich traf sich mit Erich Honecker. „Konstruktiv, sachlich, freimütig“ soll es laut DDR-Medien gewesen sein, doch der Dialog sollt e sich nicht auf den unteren Ebenen fortsetzen. Die SED verschärfte in der unmittelbaren Folgezeit ihren Kurs gegenüber der Kirche und den unter deren Dach Hilfesuchenden. Kurz nach dem Gespräch kam es zu Festnahmen und Kontrollen von Gottesdienstbesucher n . Der schwankende SED-Kurs der Unsicherheit führte auch zu Unsicherheiten innerhalb der Kirche. Wie weit konnte man gehen, wie viele Kompromisse konnte man schliessen?

Das allmontägliche Leipziger „Friedensgebet“ in der Nikolaikirche hatte sich, wie auch ähnliche kirchliche Veranstaltungen, in den vergangenen Jahren zu einem Forum für all die Menschen entwickelt, die in Konflikt mit der Staatsmacht gekommen waren. Vor al lem Ausreisewillige und Wehrdienstverweigerer artikulierten sich in den Fürbitten. Dies geschah allerdings nicht ohne behördlichen Druck auf die Kirche und die Betroffenen. Pfarrer wurden ausdrücklich ermahnt, Ausreisewillige nicht zu unterstützen. In Tauschgeschäften mit der Kirche versuchte der Staat die Ausreiseproblematik zu entschärfen und löste damit auch grosse Auseinandersetzungen zwischen Kirchenbasis und Kirchenleitung aus.

4.2. Kursverhärtung und revolutionärer Aufbruch

Im Herbst 1988 häuften sich die Zeichen der Verunsicherung der SED. Drastische Massnahmen werden ergriffen, um den Kurs bzw. die Stellung zu halten.

Als in der sowjetischen Zeitschrift „Sputnik“ im November 1988 stalinkritische Artikel veröffentlich wurden und in der Folge die Auslieferung der deutschen und der sowjetischen Ausgabe in der DDR verhindert wurde, vereinte dieses Vorgehen Parteilose wie Parteigenossen in bisher wohl einmaliger Empörung. Eine beträchtliche Zahl von Protestschreiben an das ZK wendeten sich gegen dieses Vorgehen, etliche traten aus der Partei aus.

Jedoch war die Sputnik-Affäre nur ein Versuch unter vielen anderen, die Bürger weiterhin zu entmündigen. Fünf Sowjetische Filme, darunter „Die Kommissarin“ von Alexander Askoldov, die „Budapester Rundschau“, Diskussionen über Glasnost und Perestroika wurden ebenfalls verboten. Zensureingriffe in die Kirchenpresse waren an der Tagesordnung.

Immer noch waren waren nur einzelne Gruppen aktiv, die von staatlicher Seite unter massiven Druck gesetzt wurden. Ende November häuften sich die Nachrichten über die Verhaftung von Mitgliedern kirchlicher Menschenrechts- und Friedensgruppen, die für Reform en in der DDR eingetreten waren. Zu erneuten Verhaftungen kam es auch im Vorfeld der Luxemburg-Liebknecht-Demonstration im Januar 1989 in Leipzig: Ein Flugblatt hatte zu einer unabhängigen Demonstration aufgerufen. Die meisten Verhafteten gehörten der Initiativgruppe Leben (IGL) oder deren Umfeld an. Die Mitglieder dieser Gruppe versuchten sich mit demonstrativen Aktionen zu artikulieren, um so aus den Grenzen offizieller und kirchlicher Möglichkeiten herauszukommen.

Der allgemeine Unmut entlud sich erst spät. Selbst bei den Kommunalwahlem im Mai 1989, wo durch kirchennahe bürgerkomiteeähnliche Gruppen eklatante Fälschungen nachgewiesen wurden, kam es noch nicht zu solidarischen Aktionen. Jedoch wurde die Amtskirche – ohne Erfolg – bei allen Räten der Bezirke vorstellig. Offiziell wurde die Angelegenheit so gut wie totgeschwiegen. Erhebliche Unsicherheit löste die Rechtfertigung der blutigen Niederschlagung der Studentenprotestes auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking als Antwort „auf den konterrevolutionären Aufstand einer extremistischen Minderheit“ aus.

Den Startschuss für die Flüchtlingswelle, die die erschütterten Grundfesten des Staates völlig unterspülen sollte, gab im Mai Ungarn mit dem Abbau der Grenzbefestigungen.

Die Situation im Land wurde äusserst angespannt. Die evangelischen Kirchenleitungen warnten noch im Juni, „übertriebene Aktionen oder Demonstrationen“ seien „keine Mittel der Kirche“, forderten aber auch Reiseerleichterungen, „um den Aderlass zu stoppen“. Die evangelische Kirche vermied es wie bisher, si ch als politische Opposition zu erklären. Sie stellte die sozialistische Verfassung der DDR und den dort verankerten Führungsanspruch der Partei nie in Frage. Dennoch nahm sie Stellung und verlangte auf der Bundessynode im Septemer Demonstrationsfreiheit, Parteienvielfalt und freie Wahlen.
Zahlreiche politische Gruppierungen konstituierten sich im September und Oktober und forderten die demokratische Umgestaltung der DDR. Vom Inneministerium wurden sie fürillegal und „staatsfeindlich“ erklärt. Die Demonstrationen nach den Friedensgebeten in Leipzig und Dresden wurden immer unüberhörbarer. Ende September forderten in Leipzig ca. 6000 Menschen Reise-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Kirchenverantwortliche nutzten die Verbindungen zu den Behörden, um durch Vertrauensbildung Gewaltlosigkeit z u erzeugen.

Die Ereignisse vom 7. bis zum 9. Oktober werden von vielen als die eigentliche Wende gedeutet.

Am 7. Oktober wurde trotz dieser dramatischen Ereignisse das 40. Staatsjubiläum gefeiert. In vielen Städten protestierten Tausende gegen die Staatsführung, es kam zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. 70.000 Menschen versammelten sich am 9.10 in Leipzig nach dem Friedensgebet zur ersten Massendemonstration. „Wir sind das Volk“, „Keine Gewalt“, „Gorbi“, „Neues Forum zulassen“ waren die dominanten Sprechchöre. Die Atmosphäre war sehr angespannt. Der Beifall der SED für die blutige Niederschlagung des Stude ntenaufstandes im Frühling diesen Jahres stand allen vor Augen. Vorausgegangen waren dem Friedensgebet Drohungen in der Presse:

„… um diese konterrevolutionären Aktionen endgültig und wirksam zu unterbinden. Wenn es sein muss, mit der Waffe in der Hand!“

Tatsächlich befanden sich Betriebskampfgruppen, Polizei und Armee in Alarmbereitschaft. Warum es letztendlich doch noch friedlich abging, ist heute noch nicht ganz geklärt. Es scheint jedoch sicher zu sein, dass die SED keine Rückendeckung mehr von der KPd SU bekam und so dem Druck des Volkes nach Reformen nachgeben musste.

5. Neuorientierung

5.1. Die kirchliche Vermittlerrolle während der Übergangsregierung Modrow

Am 9. November öffnete sich die Mauer nach 28 Jahren wieder. Nachdem sich Egon Krenz als Nachfolger Erich Honeckers ebenfalls nicht halten konnte, begann mit der Wahl Hans Modrows am 13. November zum neuen Regierungschef die gemeinsame Suche von Bürgern und Regierung nach dem besten Weg zu einer gesellschaftlich-politischen Eigenständigkeit.

Die Kirche zog sich nicht zurück, sondern nahm auch weiterhin eine Mittlerrolle ein, um den demokratischen Erneuerungsprozess voranzubringen. Am „Runden Tisch“ versammelten sich unter kirchlichem Vorsitz die politischen Kräfte des Landes, die Initiatoren d er Wende aus den ehemaligen kirchlichen Gruppen und die Vertreter der neuen SED, später SED-PDS. Von SED bis Grüne wollten alle unter der kirchlichen Leitung tagen, da sie auf die Uneigennützigkeit der Kirche vertrauten. Gregor Gysi würdigte in seinem Grundsatzreferat beim Parteitag Mitte Dezember die Rolle der Kirche vor und während der Wende:

„Nicht erst in letzter Zeit hat sich ihre Fähigkeit erwiesen, verantwortungsbewusst und sehr sensibel auf gesellschaftliche Prozesse zu reagieren und auf sie einzuwirken. Die Kirchen haben in einer Zeit der Emotionen, berechtigter Empörung, der Erbitterung und des Zorns immer wieder, auch öffentlich, zu Augenmass und Gewaltlosigkeit gemahnt.“

Angesichts der täglich neuen Enthüllungen über die Korruption der alten SED-Führung, über die Machenschaften der Staatssicherheit und der personellen Verstrickungen in den alten Machtapparat appellierte die Kirche an die Bürger, von Hass und Rachegedanken Abstand zu nahmen. Nur im Geist der Versöhnung könnten die gegenwärtigen Aufgaben gelöst werden. Auch jetzt gelte immer noch das Motto „Offen für alle“.

In fast allen neuen Parteien und Gruppen sind Pfarrer überdurchschnittlich vertreten – allerdings nur in Parteifunktion, nicht als Pfarrer – und arbeiten an der programmatischen Gestaltung mit. Die Loslösung der Gruppen von der Kirche wurde von kirchlicher Seite durchaus begrüsst.

Die SED hatte ihr die Weiterführung der politischen Stellvertretung angetragen, als sie den Dialog ausschliesslich mit SED-abhängigen gesellschaftlichen Organisationen und den Kirchen führen wollte. Die Kirche forderte die SED hingegen auf, die neuen Grupp en und Parteien, wie beispielsweise das „Neue Forum“, anzuerkennen.

5.2. Ausblick

Ein Blick auf die schwarze Informationstafel in der Leipziger Nikolaikirche gab im März 1990 genügend Aufschluss darüber, mit welchen Themen sich die Kirche auch nach der Wende noch beschäftigt. Sie reichten von einer Stellungnahme zur bevorstehenden Volks kammerwahl über die „Orientierungshilfe zur Jugendweihe“ bis zur „Loccumer Erklärung“ des KKL vom 17.1.1990 und Aufsätzen zur kirchenpolitischen Vergangenheitsbewältigung.

In Loccum forderten Beauftragte des Kirchenbundes der DDR und des EKD die kirchliche und staatliche Einheit. Kritiker verurteilten die Schnelle der geforderten Vereinigung und befürchteten „die Gefahr, dass wir noch einmal, wie nach dem Zweiten Weltkrieg, die eigene Geschichte verdrängen und uns keine Raum für die notwenige Trauerarbeit lassen.“

Die gesellschaftspolitische Stellvertreterrolle der Kirche hat allerdings mit der Volkskammerwahl vom 18. März 1990 noch kein Ende. Unter den 400 neugewählten Abgeordneten sind 21 evangelische Theologen und zahlreiche haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter a us Kirchen verschiedener Konfession. Dem Kabinett des Ministerpräsidenten Lothar de Maiziére, der Vizepräses der Synode des evangelischen Kirchenbundes war, gehören vier evangelische Pfarrer an: Rainer Eppelmann, Hans-Wilhelm Ebeling, Markus Meckel und Gottfried Müller. Der pazifistische Ost-Berliner Pfarrer Rainer Eppelmann wurde zum neuen Verteidigungsminister berufen. Er, der einst „Frieden schaffen ohne Waffen“ forderte, soll jetzt zur Entspannung zwischen den Machtblöcken beitragen und forderte bereits eine drastische Verkleinerung der Bundeswehr.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass die politischen Programme der Parteien und das Geschehen in der Volkskammer von der christlich motivierten Einstellung dieser Kirchenleute zumindest teilweise geprägt werden. Abzuwarten bleibt, inwieweit sie auch in einem gesamtdeutschen Parlament vertreten sind.

Schlussbemerkung

Nachdem ich im Januar das traditionelle Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche und die davon ausgehende Montagsdemonstration besucht hatte, war ich zutiefst von der Friedfertigkeit und dem politischen Willen der teilnehmenden Bevölkerung beeindruckt. Vor allem interessierte mich, wie es zu diesem friedlichem Umbruch kommen konnte.

Meiner Meinung nach wurde die SED nicht von der Kirche gestürzt. Im wesentlichen war es der Verdienst der Oppositionsgruppen, die in den 80er Jahren, wurzelnd in der Friedensbewegung der 70er, zumeist unter dem Schutz der Kirchendächer, gesellschaftspolitische Themen kritisch aufgriffen und Alternativen diskutierten. Vieles, was in diesen Gruppen gedanklich vorbereitet wurde, nahm die Kirche auf, um gegenüber dem Staat zu vertreten.

Diese gegenseitige Wechselwirkung kanalisierte das kritische Potential, schuf ihm aber dadurch eine, wenn auch begrenzte, Öffentlichkeit. Mithilfe der aussenpolitischen Konstellation wurde seit spätestens 1987 der Demokratisierungsprozess vorbereitet. Jetzt, nach dem Umbruch, konzentriert sich die Kirche verstärkt auf ihre Aufgaben in der Diakonie und Seelsorge. Sie wird auch weiterhin den Dialog mit Staat und Gesellschaft suchen und, wo nötig, Stellung beziehen.

Quellen und Literatur

1. Quellen

1.1. Periodika
  • Berliner Sonntagsblatt. Die Kirche.
  • Berliner Evangelische Wochenzeitung. Berlin, 1989 ff.
  • Der Bürger im Staat. Hrsg. v. der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. Stuttgart, 1990
  • Der Spiegel. Das Deutsche Nachrichten-Magazin. Hamburg, 1980 ff.
  • Deutschland Archiv. Zeitschrift für Fragen der DDR und der Deutschlandpolitik. Köln, 1986 ff.
  • Evangelischer Nachrichtendienst (ena) in der Deutschen Demokratischen Republik. Berlin/DDR, Jahrgang 1990
  • Frankfurter Allgemeine. Zeitung für Deutschland. Frankfurt/M, einzelne Jahrgänge
  • Glaube und Heimat. Evangelisches Sonntagsblatt für Thüringen. Jahrgang 1989
  • Kirche im Sozialismus. Materialien zu Entwicklungen in der DDR. Berlin, 1985 ff.
  • Umweltblätter. Info-Blatt des Friedens- und Umweltkreises Zionskirchgemeinde. Berlin. 6/1988, 8/1988, 3/1989
1.2. andere Quellen
  • Anti-Wahlkampfplakat: W. Ebeling, DSU: Und ich frage euch…“. Leipzig, März 1990, Privatarchiv Christiane Schulzki ( = PA CS)
  • Aufbruch 89 – Neues Forum. Gründungsaufruf des Neuen Forums. o.O., September 1989, PA CS
  • Aufruf des Friedenskreises der Erlöser-Gemeinde Berlin zur Unterstützung der Kommunalwahlen in der DDR 1989, PA CS
  • Auszüge aus SPUTNIK 10/88, inoffizielles hektographiertes Informationsmaterial. o.A., PA CS
  • Beschluss der Synode des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR zu Fragen des innergesellschaftlichen Dialogs von der 4. Tagung der V. Synode vom 20.9.1988. Dessau, PA CS
  • Erklärung des Konsistoriums der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg vom 10.10.1988 zur Pressezensur, o.A., PA CS
  • Erklärung von Vertretern des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR und der Evangelischen Kirche in Deutschland am 18.1.1990 in Dresden: „Loccumer Erklärung“, PA CS
  • Informationsblatt des „Demokratischen Aufbruchs“ des Bezirksverbandes Leipzig im Landesverband Sachsen. Leipzig, 1990, PA CS
  • Informationen 1989/7 Nr. 261 zum NEUEN FORUM und zu anderen illegalen oppositionellen Gruppierungen in der DDR. o.A., PA CS
  • Ökolöwen, Arbeitsprogramm vom 2.2.1990, Leipzig, PA CS
  • Pressemitteilung der KKL über die Klausurtagung vom 11.-13.3.1988 in Bukow. o.A., PA CS
  • Schnellinformation des Sekretariates des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR an die Empfänger der Schnellinformation des Bundes vom 3.3.1988, Berlin. PA CS
  • Schreiben des evangelischen Bischofs der Kirchenprovinz Sachsen, Christoph Demke. Magdeburg, August 1989, PA CS
  • Schreiben vom 23.1.1990 des Evangelisch-Lutherischen Landeskirchenamtes Sachsen: Orientierungshilfe zur Jugendweihe. Dresden, PA CS
  • SPIEGEL-SPEZIAL, Nr. 2/1990, 162 Tage Deutsche Geschichte. Hamburg, 1990
  • taz, DDR, Journal zur Novemberrevolution. Frankfurt/M, 1989
  • taz, DDR, Journal Nr. 2. Die Wende der Wende. Frankfurt/M, 1990
  • Zeitung zur Wahl. Hrsg. Bundesvorstand der DSU, Leipzig, 1990, PA CS

Literatur und Aufsätze

  • Bunz, Anke:Das Verhältnis von Staat und Kirche in der Sowjetunion. Tübingen, 1990
  • Dähn, Horst: Konfrontation oder Kooperation? Das Verhältnis von Staat und Kirche in der SBZ/DDR 1945 – 1980. Opladen, 1982
  • Führer, Christian: Gefahr – woher? Wie tauglich ist 1990 die alte Etikettierung rechts-links. Leipzig, 1990, PA CS
  • Führer, Christian: Friedensgebet am 09. Oktober in St. Nikolai. Leipzig, 1989, PA CS
  • Garstecki Joachim: Um der ökumenischen Gemeinschaft willen. Kritische Fragen an die Kirche in unserem Land. o.A., PA CS
  • Garstecki Joachim: Ökumenische Versammlung in der DDR. in: DA 4/1989, S. 418 ff.
  • Hartmann, Matthias: Offene Fragen. Zur Neuorientierung der evangelischen Kirchen in der DDR. in: DA 4/1990, S. 528 ff.
  • Helwig, Gisela: „Störfälle“. Zum Dialog zwischen Kirche und Staat. in: DA 1988, S. 340 ff.
  • Helwig, Gisela und Urban, Detlev (Hrsg.): Kirchen und Gesellschaft in beiden deutschen Staaten. Köln, 1987
  • Henkys, Reinhard: Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR. Witten, Berlin. 1980 (epd – dokumentation 1, hrsg. von H. Wolfgang Hessler)
  • Henkys, Reinhard: Die Kirchen im Umbruch der DDR. in: DA 2/1990, S. 177 ff.
  • Henrich, Rolf: Der vormundschaftliche Staat. Vom Versagen des real existierenden Sozialismus. Reinbek, 1989
  • Hildebrandt, Horst (Hrsg.): Die deutsche Verfassung des 19. und 20. Jahrhunderts. Paderborn8, 1974
  • Mechtenberg, Theo: Kirche im Sozialismus. in: DA 4/1988, S. 380 ff.
  • Meyer, Gerd und Schröder, Jürgen (Hrsg.): DDR heute. Wandlungstendenzen und Widersprüche einer sozialistischen Industriegesellschaft. Tübingen, 1988
  • Spittmann, Ilse: Weichenstellung für die neunziger Jahre. in: DA 12/1988, S. 1249 ff.
  • Wehling, Hans-Georg (Red.): Politische Kultur in der DDR. hrsg. v. der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. Stuttgart, Berlin, Köln. 1989.
  • Peter Wensierski, Wolfgang Büscher, Klaus Wolschner (Hrsg.): Friedensbewegung in der DDR. Texte 1978 – 1982. Hettingen, 1982
  • Zagatta, Martin: Kirche als Ersatzöffentlichkeit. in: Wehling, Hans-Georg (Red.): Politische Kultur in der DDR. hrsg. v. der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. Stuttgart, Berlin, Köln. 1989. S. 66-80
  • Zum Gebrauch des Begriffes Kirche im Sozialismus. Hrsg. von der Theologischen Studienabteilung beim Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR. Referat Weltanschauungsfragen. o.O., 1988 (Informationen und Texte 15)

Abkürzungen

BEK Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR
DA Deutschland Archiv
DDR Deutsche Demokratische Republik
FDJ Freie Deutsche Jugend
ENA Evangelischer Nachrichtendienst
epd Evangelischer Pressedienst
EKD Evangelischer Kirche in Deutschland
EOS Erweiterte Oberschule
GST Gesellschaft für Sport und Technik
KiS Kirche im Sozialismus
KKL Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen
KSZE Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa
LWB Lutherischer Weltbund
ÖRK Ökumenischer Rat der Kirchen
PA CS Privatarchiv Christiane Schulzki
PDS Partei des Demokratischen Sozialismus
SBZ Sowjetische Besatzungszone (1945 bis 1949)
SED Sozialistische Einheitspartei Deutschlands
SoFd Sozialer Friedensdienst
ZK Zentralkomitee

V. Material

  • Schwerter zu Pflugscharen (Foto, Nikolai-Kirche)
  • Geschehen vom 9./10.10. (Foto, Nikolai-Kirche)
  • gesellschaftl. Engagement der Kirche: DDR-Gefängnisse (Foto)
  • Plakat Ebeling im Wahlkampf
  • Cartoon AZ
  • Interview mit Thomas über Ökolöwe

 

Ein Wochenende drüben

Per Mitfahrzentrale Richtung Grenze.
Hof: zum Teil schon abgebaute Grenzanlagen, verlassene Wachtürme.
Zum ersten Mal vom Transit runter.

Jena

über eine kleine Landstrasse nach Jena-Lobeda, ein endlos langes Wohnviertel: Altneubauten. Nahe dem Zentrum liess uns die Fahrerin raus, um weiter nach Berlin zu fahren. Erster Gedanke: keine Luft. Eine Mischung aus Braunkohle- und Trabbiduft schlägt uns entgegen. Zweiter Gedanke: kein Geld. Zur Staatsbank gepilgert. Dort eine riesenlange Schlange vor dem Schalter „Reisegeld“, zwei kleine Schlangen für „Barumtausch“. Sie schickten uns dann jedoch nach vorne: „Die Personen mit den D-Mark sollen doch bitte …“ – peinliche Sonderbehandlung für Devisenträger! Niemand murrte.

Zimmersuche

Zum Jena-Info, Stadtplan besorgt. Auf eine Anzeige dieser Touristinformationsstelle hin hatten sich einige Bürger gemeldet, die eine kostenlose übernachtungsstelle für Bundesbürger zur Verfügung stellten. Zwei Adressen nahmen wir vorsorgehalber mal mit. Eigentlich wollten wir einen Freund besuchen, den wir allerdings vorher weder schriftlich, noch telefonisch (Telefone gibt es nur Priviligierte, Pfarrer, Schwerkranke…) erreicht hatten. Risiko. Wir versuchten es einfach. Mit der Tram hingefahren, die auf den verzogenen Schienen wie auf wogenden Wellen auf- und abschwankte und einen Höllenlärm machte. Haus gesucht, gefunden, geklingelt. Keinerda. Sofort waren zwei Nachbarn zur Stelle, die uns gleich bereitwillig Auskunft gaben: sie hätten den Gesuchten nun schon länger nicht mehr gesehen, ob er überhaupt wieder kommt? – Ein Fenster ging auf, wen wir suchten? Herrn Meyer? Wir könnten ja vielleicht seine Freundin oder Frau oder …? in der Arbeit erreichen ?? – Neugierig … Später, in Leipzig, erzählte uns jemand von einem Fund auf dem Dachboden des Stasi-Gebäudes in Berlin: ein Karteikasten aus dem Jahre 1973, der alphabetisch nach Strassennamen geordnet war, zu jeder Strasse die Hausnummern, und zu jeder Nummer die Bewohner, z.T. mit Bemerkungen versehen: „erzählt ausführlich“, „weiss gut Bescheid über die Nachbarn“,“empfängt oft Besuch“, „linientreu“, usw.

Im „Roten Hirsch“ zu Abend gegessen. Aufgrund unseres forschen Auftretens (Frage: „Wo gibt’s denn hier noch Platz? Wo ist denn hier der Kellner?“) wurden wir sofort als Westler identifiziert. An unserem Tisch ein ehemaliger Ballettänzer. Weil er nicht mehr gewachsen war, wurde er Packer. Jetzt will er in den Westen: Geld verdienen und dann mit seiner Freundin ein paar Jahre sich die Welt anschauen.

Danach die 1. Adresse vom Jena-Info angesteuert: von einer Nachbarin erfahren, dass es eine Conny schon gäbe, ihr „so was“ (wie Bundis für eine Nacht aufzunehmen) schon zuzutrauen wäre, der Nachname wäre aber falsch. Von anderen Nachbarn wiederum erfuhren wir, dass sie geschieden war, ihr Mann die Kinder eben geholt hätte und sie heute abend wohl nicht mehr kommen würde. Einer fuhr uns dann sogar mit seinem Uralt-Chicago-Gangster-Wartburg zur nächsten Adresse. Dort hatten sie noch nie vom Jena-Info gehört. Ein Telefon, wie angegeben, hatten sie auch nicht. Die Telefonnummer angerufen. Dort wollten sie auch lediglich nur eine Kontaktadresse im Westen. übernachten? Nein, danke. – Was die anderen übernachtungsangelegenheiten anbelangt, sie waren ausgebucht oder zu teuer.

Schliesslich fuhren wir nach Saalfeld zu anderen Freunden. Jena hatte unsere schlimmsten Erwartungen erfüllt.

Leipzig

Mit der Bahn (DR = Dein Risiko) nach Leipzig. Mir gegenüber sass einer, die Einkaufstasche hing am Kleiderhaken aus der das Orangennetz oben herausspitzelte, auf dem Gepäckträger die Plastiktüte eines Münchner Elektro-HiFi-Computer-Geschäfts. Er löste Kreuzworträtsel in einem Revolverblatt, darunter ein Stapel Reisezeitschriften. Drei Bierdosen-West standen auf der Heizung. Wie aus dem deutsch-deutschen Bilderbuch.

Ankunft. Leipzig. Dämmerung. Das Zimmervermittlungsbüro am Bahnhof geschlossen: Sonntag. In der Telefonzelle: kein Telefonbuch. Zum Vermittlungsamt, dort fündig geworden. Das Jugendtouristhotel angerufen. Zimmer frei. Aufatmen. Auch nur, weil eine Gruppe abgesagt hatte.

In letzter Minute bekamen wir noch zwei – nichtabgeholte – Karten im Kellertheater für „Heute abend: Lola Blau“. Von anderen Besuchern erfuhren wir später, dass sie die Karten für diese Vorstellung schon 1987 bestellt hatten! Zur Zeit gäbe es jedoch sogar bei den „Akademixern“ Karten an der Abendkasse, die Leute hätten wohl genug anderes zu tun.

Obwohl gut gespielt, gab es erstaunlich wenig Applaus, sehr zurückhaltend, keine Lacher, obwohl es durchaus einige witzige Situationen gegebenhätte. Bis vor kurzem oder vielleicht sogar auch jetzt noch hatte es immer einige Stasi-Leute gegeben, die in den Stücken mitschrieben, Leute notierten, die zum falschen Zeitpunkt lachten. Eine ziemlich steife Atmosphäre. Immer noch. Am Schluss zusammen mit zwei anderen Frauen auf die Garderobe gewartet. – Wo denn die Moritzbastei sei? – Sie brachten uns hin, allerdings wurden wir in diese In-Kneipe Leipzigs nicht mehr eingelassen: vor einer halben Stunde war Einlassschluss. Drinnen Underground-Music. Inge: Kreuzberg kommt jetzt zu uns. Trotzdem, um viertel vor elf tote Hose.

Die beiden luden uns zu sich nach Hause ein. Beide sind Liedermacherinnen: „Frey & Frank“. Im Moment lebten sie nur von ihren Auftritten: ca. fünf im Monat. Das würde wohl zukünftig anders werden, mit steigenden Mieten, Lebensmittelpreisen, usw.. kämen sie dann nicht mehr so einfach über die Runden. Sie spielten uns ein neues Band vor und erzählten uns sehr viel über die Schule, über ihr Leben hier als Musikerinnen.In ihrer Schulzeit hätte Inge auch einmal ein Referat halten müssen: Jazz unter dem Aspekt des revolutionären Kampfes der ausgebeuteten Schwarzen gegen die weissen Imperialisten oder so ähnlich. Sie beschränkte sich aber auf die Musik selber. Beim Erzählen wurde ihnen klar, wieviel ihnen in ihrem Leben eigentlich vorenthalten worden war, wieviele Zwänge sie einfach akzeptiert hatten, sich angepasst hatten, weil es keine Alternativen gab. Es wurde noch eine lange Nacht. Am Morgen, als wir gingen, fragten sie uns, ob wir schon jemand hätten, mit dem wir auf die Demo gingen – es war Montag, 15. Januar.

Montag – Demotag

Die Litfasssäule auf dem Karl-Marx-Platz ist die einzige grössere, offizielle Anschlagmöglichkeit neben dem Informationsstand in der Nicolai-Kirche – „offen für alle“. Am Morgen hing schon wieder einiges Neues dran: Manifeste, Gründungsaufrufe, Berichte von der sanften Revolution, ein Aufruf zur „Lust-am-Leben-Demo“. Und eine kleine Menschentraube hatte sich auch eingefunden, hungrig nach direkter, nicht von SED-Verlagen und -Druckereien kontrollierter Information. Mittagessen in irgendeinem Restaurant. Mit einem DDR-Ehepaar sassen wir zusammen am Tisch. Wie sich bald herausstellte war sie Grundschullehrerin für Deutsch und Mathematik. Ihre Kollegen mit Staatsbürgerkunde oder Geschichte hätten es jetzt schon schwer. Keine Lehrpläne, keine Lehrmittel, Unsicherheit überall: darf man noch „Freundschaft“ sagen, das Lied von der „Kleinen weissen Taube“ singen? Als ich meinte, dass es jetzt wohl für viele ziemlich hart ankommen müsste, nachdem sie 40 Jahre für diesen Staat gearbeitet hätten, an ihn geglaubt hätten, nun feststellen zu müssen, dass sie eigentlich immer nur betrogen worden waren, sagte er leise, „ja, ich habe auch die Mauer mitgebaut“, als NVA-Soldat. Er ist noch immer dabei. Besonders desillusionierend für die beiden war, als sie im Fernsehen sahen, dass ihre Oberen in Wandlitz wie im Westen lebten, jedoch zugleich sozialistische Gleichheit und Brüderlichkeit propagierten. Auch ihr Kurztrip in den Westen: beschämend das Begrüssungsgeld abzuholen und dann in einem Grenzort in einem menschenleeren, übervollen Supermarkt zu stehen. – Am Ende des Essens meint er nur zur Kellnerin: Alles auf eine Rechnung.

Friedensgebet in der Nikolaikirche

Als Polittouristen natürlich um 17.00 Uhr zum legendären Friedensgebet in der Nikolai-Kirche. Nur noch auf der ober- sten Empore Platz gefunden. Oben und unten standen Fotographen in Westklamotten, vorne waren Fernsehkameras und Scheinwerfer postiert. Der Pfarrer meinte, schade, dass sich nur die westliche Presse für das hier interessiert, die eigene offenbar nicht. Sie würden sich freuen, mal ein paar Bilder von der Andacht zu bekommen. Zuanfang wurde geklärt, dass heute abend keine Kundgebung stattfinden würde (die letzte war etwas entgleist), dass … noch mehr organisatorisches. Die Fürbitten. Für sich selber, dass die Fronten nicht verhärten, dass sie ihren Gegnern verzeihen. Für alle, den Dialog mit dem Staat weiterzuführen, sich nicht vom West-Konsum einkaufen zu lassen, mit offen Augen ihren eigenen Weg und die wirklich wahren Werte zu suchen… Noch nie hatte ich einen so spannungsgeladenen, politischen Gottesdienst erlebt.

Demo

Im Menschenstrom zur Demo. Plötzlich auf dem Karl-Marx-Platz. Menschenmassen mit Deutschlandfahnen: DDR-Fahnen ohne Emblem, jetzt überall ausverkauft. Von weitem Rufe zu hören. Dann lauter: „Einheit – Einheit“. Ein beklemmendes Gefühl. Denke an zu Hause, wo man jetzt höchstens vor dem Fernseher sitzt. An der Post treffen wir Inge und Delia von gestern Nacht. Gemeinsam schrauben wir das Transparent zusammen: „Neues Forum?-ja!-Grüne?-ja!-SED???-nein!“

Es geht nun den Altstadtring entlang, am – ehemaligen – Stasi-Gebäude, am Rathaus, am Bahnhof entlang und zurück. Witzige Transparente werden belacht. Die Republikaner und die Nationaldemokraten mit ihrem Flugblatt-, Aufkleber- und Kuli-Stand sorgen etwas für Unruhe. Auf einem erhöhten Absatz stehen drei junge Männer, halten die Rep-Fahne hoch. Gemeinsam mit den SED-Leuten ernten sie nur den Ruf: „Ihr seid das Letzte“, so lange, bis sie freiwillig herunterkommen. Das Flugblatt in der Hand erkennt man schon am Papier, woher es kommt. Erstaunlich viel West.

Immer wieder Einheitsrufe. Immer wieder stolpern wir über kaputte Strassenbahnschienen. Einer zeigt hinunter und ruft: Das hat uns unser Staat vermacht. Andere lachen nur. Gute Stimmung. Nach zwei Stunden verläuft es sich wieder – ohne Kundgebung. Abschied von unseren Leipzigern. Versprechen, sie mal nach Tübingen zum Konzert einzuladen.

Am Morgen wieder in Stuttgart: die „FAZ“: „100.000 Menschen in Leipzig wieder auf der Strasse, Rufe nach Einheit“. Die „Stuttgarter Zeitung“: auf der Kundgebung wieder Forderungen nach Wiedervereinigung… Berlin überschattet jedoch die Ereignisse in Leipzig: das Stasi-Gebäude wurde von Demonstranten gestürmt.

Zum ersten Mal bemerke ich einen merkwürdigen Duft in der Luft: Diesel. Alles so bunt und sauber und neu. Wieder daheim.

Ein Monat später

Freunde von uns waren in Leipzig. Kohl war in Moskau. Die Einheit ist geritzt. Die Demo läuft brutal ab. Reps auf Balkonen werfen mit Flaschen nach Demonstranten. Schlachtfeststimmung. In der Strassenbahn wird eine Punkerin mit roten Haaren von Neonazis zusammengeschlagen. Eine Zwei-Klassen-Gesellschaft entsteht. Ehemalige Stasi- oder SED-Leute müssen in der Tram hinten einsteigen. Auf der Litfaßsäule sind alle kleinen handgeschriebenen Zettel von grossen CSUDSU-Plakaten zugekleistert. Wahlkampf. Es geht um die Einheit.