Faktoren für Qualitätsjournalismus

Christiane Schulzki-Haddouti, Miriam Bunjes, Geribert Jakob (2009): Begrenzter Journalismus. Was beeinflusst die Entfaltung eines Qualitätsjournalismus. Analyse im Auftrag des 14. Mainzer Mediendisputs.

Die Mediendisput-Analyse, die ich gemeinsam mit Miriam Bunjes und Geribert Jakob im Herbst 2009 erstellt habe, basiert auf Literaturrecherche sowie auf Interviews mit Theoretikern wie Praktikern. Im Ergebnis macht sie zehn mehrfach miteinander verknüpfte Faktoren sichtbar, die sich essenziell auf die Güte und die mittel- und langfristigen Rahmenbedingungen der journalistischen Arbeit und ihrer Ergebnisse auswirken.

Deutlich wird dabei, dass sich die allermeisten dieser Faktoren in den letzten Jahren negativ entwickelt haben. Neu ist aber nicht die Entwicklungrichtung der einzelnen Faktoren, sondern die hier vorgenommene Zusammenschau der Faktoren, die zeigt, dass es mehrere begründete Anlässe zur Sorge um den Journalismus gibt. Die Digitalisierung, die in der Diskussion zurzeit im Vordergrund steht, kann hierbei als Beschleunigungs- und Transformationsfaktor gleichmaßen verstanden werden.

Die zehn Faktoren, die guten Journalismus beeinflussen:

  • Geld: Die knapper werdenden finanziellen Ressourcen führen in den Redaktionen zu einem Abbau des Personals und bei freien Journalisten über weniger Aufträge und Honorardumping zu einem niedrigerem Einkommen.
  • Zeit: Es steht aufgrund des erhöhten finanziellen Drucks immer weniger Zeit für Recherche und Qualitätssicherungsmaßnahmen zur Verfügung.
  • Routinen: Die Selektionskriterien von Journalisten können zu einer systematischen Vernachlässigung von Themen führen, die für die Bevölkerung relevant sind. Die Recherche als Routine wird zunehmend abgebaut.
  • Organisation: Redaktionen wurden in den letzten Jahren aufgrund des erhöhten finanziellen Drucks umorganisiert. Eine erste Studie zeigt, dass die Annahme, dass diese Umorganisationen mit Qualitätsverbesserungen einhergehen, in Frage gestellt werden muss.
  • Recht: Zahlreiche Gesetze haben in den letzten Jahren das Redaktionsgeheimnis und den Informantenschutz geschwächt. Juristische Auseinandersetzungen um Unterlassungsklagen häufen sich. Das Akteneinsichtsrecht wird noch zu wenig in der Praxis genutzt bzw. die Nutzung wird von Behörden oftmals blockiert. Änderungen im Urheberrecht führten zu einer Schwächung der Urheber zugunsten von Sendern und Verlagen.
  • Bildung: Die soziale Herkunft der Journalisten vornehmlich aus der Mittelschicht führt zu einem Mainstream-Journalismus. Das Ausbildungssystem begegnet derzeit der Herausbildung elitärer Zirkel nicht, um einen anwaltschaftlichen Journalismus zu vermitteln.
  • Selbstverständnis: Die Ko-Orientierung der medialen Elite führt zu einer von den gesellschaftlichen Bedürfnissen abgehobenen Berichterstattung – und zur Vernachlässigung relevanter Themen oder Themenzugänge. Der erhöhte finanzielle Druck lässt Journalisten ihr Selbstverständnis zunehmend in den Hintergrund stellen.
  • Eigentum: Im Bereich der Lokalzeitungen ist der Markt gefestigt; Wettbewerb findet nur noch punktuell statt. Eigentümerwechsel und Kostenreduzierung bleiben als letzte Maßnahmen, um dem finanziellen Druck zu begegnen. Außerdem ist zu beobachten, dass Publikationen und Sendungen in medienpolitischen Streitfragen für die eigenen Verlags- oder Betreiberinteressen eingespannt werden.
  • Public Relations: Der Anteil der PR-beeinflussten Beiträge im redaktionellen Teil nimmt deutlich zu. Journalistische Inhalte werden immer häufiger als Umfeld für Werbekunden betrachtet. Die Grenzen zwischen Redaktion und Anzeigen verwischen zunehmend. Berufsständische und sonstige journalistische Interessenvertretungen und Verbünde können sich aber nicht auf eine einheitliche Linie in der Definition ethischer Grundsätze einigen.
  • Digitalisierung: Die Beteiligungsbarrieren für Laien sinken, die Medien verlieren ihre Gatekeeper-Funktionen. Junge Nutzer und Intensiv-Leser wenden sich verstärkt den Online-Medien zu. Dabei ignorieren sie zunehmend das Inhalte-Bundling von Anbietern. Es entstehen deterritorialisierte Kommunikationsräume.

Die in den Faktoren jeweils aufzufindenden Details verdichten sich auf folgende drei gleich gewichtige Kernprobleme, nämlich:

  • der Erhaltung unabhängiger Berichterstattung bei Gefährdung durch subtile Einschränkungen der Berichterstattungsfreiheit,
  • der Erhaltung der Güte journalistischer Arbeitsergebnisse bei Gefährdung durch Verknappung essenziell notwendiger Ressourcen sowie
  • der Erhaltung der gesellschaftlichen Funktion journalistischer Tätigkeit, die durch erodierende Nachrichtenmärkte, interne wie externe Einflussnahme und verändertes Rezipientenverhalten insbesondere in der jüngeren Generation gefährdet ist.

In unserer Analyse haben wir zu jedem einzelnen Faktor eine Reihe von Lösungsvorschlägen vorgestellt.

 

2 Gedanken zu „Faktoren für Qualitätsjournalismus

  1. Ich denke, die zunehmende „Verhaberung“ zwischen Journalisten und den Entscheidungsträgern und damit die geringer werdende Distanz zwischen den Beteiligten ist ein weiterer Indikator für einen erkennbaren Verfall an Qualität in den österreichischen Medien. Meist fehlt die kompetente, kritische und fundierte Analyse eines Problems (z. B. aktuelle Debatte um Steuerreform in Österreich oder Poker um Kommissionspräsidenten), um mir eine Orientierungshilfe zu geben. Statt einer fundierten „Ausleuchtung“ der Hintergründe wird dem „Rudeljournalismus“ gefrönt. Sind das schon die Auswirkungen der finanziellen Engpässe in den Entscheidungszentralen der Medien? Können oder wollen sich auch die „Qualitätsmedien“ die kompetenten Profis nicht mehr leisten? Oder ist die Trennlinie zwischen redaktionellen Inhalten und Anzeigen nicht mehr gegeben?

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